Adam&Eve.exe

Wie die ersten Menschen schritten wir die Hauptstraße hinab. Sie war verwandelt, es quollen Blätter, wo das letzte Mal die Zweige nackt am Himmel gescharrt haben. Näher kamen wir dem, wovor man uns immer gewarnt hat – der entfesselten Nacht. Wir gingen zur verbotenen Frucht, dort hin, wo das Ich in Farbflut und auseinanderstrebenden Tönen versinkt, wo die gehütete und fürsorglich aufgebaute Persönlichkeit wie eine hohle Nussschale unter den Reizen zerbirst. Am Tor wand sich eine riesige Schlange, wir mussten durch, es führte kein Weg vorbei. Mit Schuppen, von denen keine der anderen glich, strich sie über den Boden und sprach babylonisch in tausenden Stimmen nach jeder Richtung: Das dauert ewig., Was, wenn wir nicht reinkomm’?, Gib mal was ab. Behalt nicht alles für dich., Woher kommt ihr?, Am Ende lohnt es sich nicht. Die Stimmen konnten uns nichts. Wir waren die Straße zur Gänze hinab. Unsere Ahnen hatten sich immer ausgezeichnet durch Scheitern, durch Abkehr im entscheidenden Augenblick, durch Abfall von jeglichem Glauben, wir aber wollten den Einlass. Und so durchlitten wir jede Stimme der Schlange, zitterten durch ihren Leib, bis uns ihr Kopf endlich ausspie an eine Furt. Prüfend blickte Charon uns an und befahl: „Gebt Euch zu erkennen, Sterbliche, beweist, dass ihr auch reif seid.“ Da offenbarten wir uns. Und er sieht in den Zeichen unsere Seelen und setzt uns hinüber. Jenseits der Schwelle stellte sich uns mit gespreizten Beinen Minos entgegen: „Ich weise den Seelen den Ort zu. Es ist an der Zeit, zu sehen, ob an euch Sünde ist.“ Wir bestanden. Das kalte blaue Licht, das die verbrennt, so vor den Höchsten etwas verhehlen, streifte uns nicht. Die Tore öffneten sich und wir kamen zu Seelen, die am Heiligen weben. Da schwirrten sie in unzähligen Gestalten über das Offene hin. Wie Assoziationen eines denkenden Wesens, gerieten sie aneinander, zogen sich an, stießen sich ab. Schlossen kurze Bündnisse. Waren im Fluss. Wie diffundierende Atome ge-horchten sie keinen Gesetzen der Ordnung, sondern nur dem Gesetz der höchsten Verteilung im Raum. Sie setzten sich in Nischen fest, strebten in die Höhe fort, standen auf Erhebungen von Luft umflossen. Hen kai pan, drückte ihr Reigen aus. Und das war nur der Zierrat, das Ornament des Festes. Sie waren nur Äußerungen eines Willens, der innen verborgen lag. Dieser Wille hatte keine Worte, die man niederschreibt. Er war mehr der brennende Dorn-busch, mehr der Donner in Lüften, als der Mann, mit dem man kämpft, dass er einen segne oder der Engel der als Mensch zum Menschen kommt, um ihn nicht zu erschrecken. Farbige Blitze durchzuckten die Luft, in dröhnenden Tönen entlud sich der fließende Strom, be-herrschte den Raum, elektrisierte die Glieder und brachte die lustvoll schauernden und hitzigen Wesen in Bewegung. Da pulsierte sie, die Weltseele. In archetypischen Formen aus Klang und Bild teilte sie sich mit. Aus der Urzeit kamen die Zeichen, ihr Sinn verband mit allen Gliedern der Kette, raste von Alpha bis Omega durch die Geschichte des Lebens und traf, erschütterte, erweckte Lust und Bejahung. „Mensch, ist das gut.“, sagte meine Gefährtin mit Augen voller beweglicher Lichter. Dann lösten wir uns beide in Rauch auf. Wenn die Reize an die Grenze gelangen, schießt ins Bewusstsein die Nebelmaschine, die Seelenver-schmelzungsmaschine. Verlier die Kontur, dröhnt es um einen, verlier die Kontur, umfließt es einen, verlier die Kontur, verlier dich, verlier die Kontur. Und während du sie verlierst, be-schreiben deine vergessenen Konturen eine unbeschreibliche Gestalt im Raum. Es geht nicht darum, dass sie gesehen wird, dafür bist du nicht bis hierhin gekommen. Du tust, tust einfach nur in den Raum die Gestalt, sie löst sich von dir, strebt auseinander, hallt an den Wänden nach, sie ist unvergesslich – wie alles unvergesslich. Alles zeichnet sich, alles signiert sich still an die Wand. Geistesgraffiti: Hier war meine Seele. Und dass du nicht ein weiteres Mal eine Show gibst, dich nicht in dem täglich neu initiierten Schauspiel nach deiner Vers-tellungskunst im Preis schätzen lässt, nicht einen Sekundenbruchteilblick ins Gesicht des Prüfers wirfst, in dem du abschätzt, wie er dich einschätzt – das wird dir belohnt. Eine göttliche Hand senkt sich durch den Nebel zu dir mit der Traube, schon berührt die Frucht deine Zunge. Da strebt der Nebel auseinander. – Du siehst die Frau in Rot. Ihre Kleider sind feuriger Wind an den Gliedern. Sie war langsam zu dir geschritten, nun steht sie mit Würde vor dir. Du atmest tief ein, als wär’ es ein Tal zwischen Bergen, das du so einströmst, und alle Gerüche der Blumen, Bäume und Felder des Tals strömen von ihr zu dir. Und ihr beginnt eine Gestalt zu beschreiben, auch diese fällt an die Wände, doch sie ist ohne die Grenze zwischen dem Ich und Du. Und während du das alles denkst, fallen plötzlich die Grenzen von allen Gestalten und alle Gestalten im Raum fallen zu einer zusammen. Einer einzigen getanzten, in den Raum gestanzten, von den Wänden aufgesogenen, aber jenseits der Wände in Veräste-lungen weiterschwirrenden, selbst die Schlange bewegenden und über die Schlange die Straße hinauf und hinab herannahende Menschen und über diese Menschen ins Unendliche fort-schreitende Gestalt. Und du bist im Zentrum. Einem Zentrum. Du bist das Zentrum und bist es nicht. Es gibt kein Zentrum. Hen kai pan… – da riss mich eine Hand an der Schulter aus der Trance. „Alles in Ordnung?“, fragte mich die Gefährtin. „In der allerbesten.“, sagte ich. Und unter Farben, Tönen und Nebel schmolz die unsichtbare Frucht auf der Zunge.