Ausschnitt aus keinem Roman

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Gleise haben etwas von Schicksal und als der Zug auf seiner Strecke einen Bahnhof ansteuert, an dem auch ich aussteigen soll, beginnen die Menschen aufzustehn. Da sagt eine Frau im Vorübergehn: „Die Sonne ist da, wie bestellt!“

foto: Sonne

Bestellt…, denke ich mir, ein interessantes Wort. Menschen bestellen Felder und dann entwickeln sich darauf Pflanzen, wie bestellt. Man macht einen Anruf und bekommt dann eine Pizza, wie bestellt. Und ich denke mir die Sache mit der Sonne ganz ähnlich: jemand tut etwas mit dem Himmel und die Sonne ist da, wie bestellt. Aber sie ist die Mutigste aus der kleinen Gruppe Reisender und niemand antwortet auf ihren Satz. Sie lässt den Satz fallen und die anderen lassen ihn liegen. Da weiß ich wieder, was mich an den Menschen stört: sie hinterlassen lauter Nichtzuende­gebrachtheiten, die Zukunft ihrer Äußerungen bekümmert sie nicht. Wenn sie etwas sagen, dann soll es ein ganz kleines Bisschen erfüllen, mehr Ansprüche stellen sie daran nicht. Aber es bleibt alles unabgeschlossen, was sie tun und sagen. Und ich sitze da und ärgere mich darüber, dass ich das jetzt alles zurechtdenken muss. Der Alte hinter ihr mit der beschlagenen Brille könnte doch irgendwas darauf antworten, einen Spruch loslassen, aber die Menschen haben Angst vor einem Versagen, wenn man sich zu weit hinauswagt in seiner begeisterten Gegenrede, und darum lassen sie es bleiben. Darum hat sie ihren Satz gesagt und das hat gereicht. Später wird jemand anderes aus der Gruppe einen Satz sagen, vielleicht wird eine kleine Bemerkung dazu folgen, aber ihn vollkommen umzugestalten, zu vergrößern, in irgendwelche Höhen hinaufzuführen – das ist den meisten zu heikel.

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