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Die reine Kopflosigkeit

Zufälle lesen lernen: Eine Einführung

kopflosigkeit
Kopfverloren steht er an einer Kirchenfassade

Wir lieben Fragmente. Mit unserer Phantasie erschließen wir uns das Bruchstückhafte, in unseren Köpfen vollenden wir es und schätzen das Resultat mehr als die ursprüngliche Form. Wir sind eben Handwerker – auch mit unseren Köpfen. – Welcher Sinn lag in der Statue des Mannes mit der Spitzhacke an der Fassade, als sein Körper noch über einen Kopf verfügte? Richtig: ein anständiger Arbeiter. Doch jemand nahm ihn den Kopf ab. Vielleicht wollte er ihn als eine Art Trophäe bei sich aufstellen, vielleicht passte ihm der Kopf auch nicht recht ins Gesamtbild. Und welcher Sinn liegt wohl jetzt in der Statue des Mannes? Richtig: – …

Es zählt, was zahlt

In einer Zeit, in der die Werte von Humanismus und Aufklärung auf Fundamentalismus stoßen und so in die Paradoxie einer Grenzbestimmung gedrängt werden, hat noch jemand den Gemeinplatz der Verteidigung von Werten, der droht in jeder Bedeutung gemein zu werden, für sich entdeckt: die Bundeswehr. Während wir nämlich unsere Werte noch verteidigen, macht die Bundeswehr schon lautstark Werbung dafür. Nix gegen die Werte, die sind nicht von schlechten Eltern, aber man schüttet das Kind nicht mit dem Bad aus und das Badewasser hat mit dem Kind nichts zu tun, außer dass es das ist, was das Kind vorher war: dreckig. Unser Problem ist nur, dass wir das Kind nur zu oft aus dem Bad werfen und dann vorwurfsvoll das Badewasser herbeizitieren. Und während wir nicht sicher sind, was – Kind oder Badewasser –, schaut ein kluger Schreiberling, der seinen Lohn verdienen muss, auf die Zeittendenzen und stellt fest: Werte liegen voll im Trend. Und notiert weiter: Wir stehn für sie. Das trifft sich natürlich ganz gut und die Form ist noch vor dem Inhalt da: Da unsere Werte alle Werte gelten lassen, müssen unsere Werte gelten, damit sie die Werte garantieren. Man kämpft also dafür, dass wir auch mal gegen so einen Krieg protestieren können, wir Uneinsichtigen. Fast wie Kinder, mit Nachsicht und einer verzeihenden Geste werden wir behandelt und abgehandelt. Egal, was wir wollen – eine koordinierte Truppe von bewaffneten Menschen macht es möglich. Der Weihnachtsmann mit der G36, wenn man so will, andernorts auch der Prophet mit der Kalaschnikow.

Ach, diese Abschlusswerte, diese Fazitwerte, diese Enlich-komm-ich-zur-Ruhe-Werte und Manchmal-muss-man-auch-hart-sein-Werte – vor ihrem Hintergrund sehe ich Tausende vom Leben unzufriedener, vielleicht prekären Familienverhältnissen, vielleicht bedrückenden psychischen Belastungen entfliehender junger Menschen durch die Schwarzen Zahlen, die Sicherheit und ein vorgeflüstert reines Gewissen ermuntert – zur Waffe greifen und einem Verband, der einen Texter mit gutem Durchblick erwischt hatte, beitreten, der mit Werten so viel zu tun hat, wie Kant mit Unpünktlichkeit. Denn, so die Aufforderung: Mach, was wirklich zählt. Und was zählt war schon immer: wo’s zahlt. Unter Vernachlässigung des guten Gewissens. Wenn dann noch das Gewissen gegeben ist, dann passt die Aufgabe, wie die Faust aufs Auge und kommt so sicher, wie das Amen in der Kirche.

Wieso ich so schreibe? Weil ich mich für einen von denen halte, für die gekämpft wird, damit sie dagegen sein können. Was mein Veto ist? Die Vermischung von Werten mit wertfremder Gewalt, die seit jeher sektiererisch wirkt und heruntergebrochen werden kann auf ein verallgemeinertes egoistisches Bedürfnis und die von Freiheit spricht und Waffen liefert, von Toleranz spricht und nur ähnliche Positionen tatkräftig unterstützt, von Menschenleben redet und am liebsten nur die eigenen Opfer erwähnt, aus einer gesamtmenschlichen Tragödie eine Tragödie der Ausnahmemenschen zu dichten versucht. Und über diese Tragödie beginnt billige Werbung zu machen, für bereitwillige Menschen mit Mangel an eigener Urteilskraft und dem Wunsch nach einer fremden. Ich stimme in einen Chor ein, der seit Äonen gegen Abstumpfung spricht, gegen wirtschaftliche Erwägung in Sachen Dasein und jeden Missbrauch Lenkbarer im falschen Moment.

Kanonenlärm auch nicht.

Hier geht’s zu den Differenzen.

Durchsage 3

Das ist hirn-und-weg, hier gibt man noch hirn weg – ohne Gegenleistung. Anderswo wird man für Müll&Lügen bezahlt. Theologen mögen sich streiten über Symmetrien, über geheimnisvolle Kreuzsymboliken hinter der Wirklichkeit, die die Gesellschaft durchziehn – hirn-und-weg ist nicht auserkoren, es ist ausgesondert und in die Enge getrieben, es ist ein lyrisch-satirisches Tier, das seine Krallen ausfährt und sie stößt ins fahle Fleisch des Alltags, das grell kreischt in die Monotonie abgelaufener hirnfunktionen, seine Galle auswirft über die Herzen, die nur ihr Eigenheim pumpen durch Adern-als-Grenzen des Gartens – er möge gepflegt sein, der fernere Horizont – verrotte.

hirn-und-weg nimmt weder Rücksicht noch zeigt es Nachsicht, weil es kein Nachsehen haben will: hirn-und-weg nimmt in Worten Existenzen und zerreißt sie wie Blätter Papier, peinliche Skizzen, schlechte Entwürfe – in Sachen Entwicklung ein Ungenügend. hirn-und-weg kämpft gegen die Windmühlen vermüllungsbeflissener Contentmanagerie, gegen die freigeistige Kleingeistererei des Sensationsjournalismus, gegen die Weltfremdheit von Werbetextern, gegen die Feigheit-als-Jenseits religiöser Systeme und gegen den Mut-als-Beschränktheit fanatischer Deutungen.

hirn-und-weg bietet Risk Services an: man geht rein, schmunzelt und mancher geht dabei unversehens ein. Wer hier eintritt tut es auf eigene Gefahr – vielleicht braucht er später eine andere Persönlichkeit oder entwickelt einen begründeten Minderwertigkeitskomplex und quält sich nur noch durchs Leben durch. Das Gute dabei ist: die Services sind umsonst. Und hirn-und-weg kennt den Reiz, den dieses Wort auslöst. Umsonst ist nicht vergebens, denkt es sich, und wer etwas umsonst gelesen hat, kann später vergebens versuchen, den Inhalt zu vergessen.

hirn-und-weg ist eine Marke und wirbt für das gefährlichste Produkt.

hirn-und-weg greift an und das in alle Richtungen, es ist eine ideenflüchtige Mordmaschine an Abgestandenem und es ist eine Reanimationsmaschine des Verstandes. hirn-und-weg geht mit der Zeit und macht keinen Platz für sie, solange sie lallt und torkelt, sondern stößt sie an, die Anstößige und Abstoßende, und sieht darin seine Bestimmung. Wer hirn hat, der denke, wer weg will, der verschwinde.

hirn-und-weg – bei uns wird hirn klein geschrieben, dafür aber groß gedacht

Ansage
Durchsage
Durchsage 2


Durchsage 2

In einer Zeit, in der Flexibilität, Teamfähigkeit, Diplomatie, Netzwerke & Beziehungen, soziale Kompetenzen & soft skills, crowdsourcing & crowdfunding, Massenkunst & Guerilla-Aktions-Ästhetik immer mehr vorrücken, bis zwischen diesen Begriffen der Einzelne aufgerieben ist, sucht hirn-und-weg den Monolog.

Solidaritätserklärung

Hirn-und-weg spricht sein Beileid mit den Mitgliedern der französischen Satirezeitschrift Charlie Hedbo und seine Solidarität mit den Satirikern überall auf der Welt aus. Hirn-und-weg lehnt hiermit offen alle Erobererreligionen ab und erklärt die Alles-Versteher für eine Schande der Entwicklungsgeschichte menschlicher Urteilskraft. Das religiöse Empfinden Anderer nicht verletzten zu dürfen, während diese am liebsten das eigenständige Denken und die Freiheit der öffentlichen Meinungsäußerung aus der Welt schaffen würden und selbst vor der menschlichen Existenz nicht Halt machen – ist kein fairer Deal. Mögen die Verbrecher in der Stunde ihres Todes keinem göttlichen Wesen begegnen, sondern ihren Straftaten Auge in Auge gegenüber­stehen und in der Einsicht ihres Unrechts verbrennen. Unsere Köpfe und Münder lassen wir uns nicht verbieten. Dafür haben wir nicht über 200 Jahre Befreiungsgeschichte durchlebt, um uns nun von solchen, die sich selbst geistige Behinderungen (= institutionalisierte Religion) auferlegen, wieder zurück in eine Epoche geistiger Unfreiheit und kollektiver Angst zurück katapultieren zu lassen. hirn-und-weg lässt sich das Hirn nicht wegnehmen und den eigenen Weg nicht reglementieren.