Berlin. Alexanderplatz

Zwei Zitate aus Döblins Roman Berlin. Alexanderplatz:

„Verlorst du dein Herz in der Natur? Ich verlor mein Herz dort nicht. Zwar war es mir, als ob das Wesen des Urgeists mich mitreißen wollte, als ich gegenüber den Alpenriesen stand oder am Strand des brausenden Meeres lag. Da, es wallte und wogte auch in meinem Gebein. Mein Herz war erschüttert, doch verloren hab ichs weder dort, wo der Adler horstet, noch wo der Bergmann in der Tiefe den verborgenen Erzadern nachgräbt.
Wo dann?
Verlorst du dein Herz im Sport? Im rauschenden Strom der Jugendbewegung? Im Kampfgewühl der Politik?
Ich verlor es dort nicht.
Hast du es nirgends verloren?
Gehörst du zu denen, die ihr Herz nirgends verlieren, sondern es für sich behalten, es sauber konservieren und mumifizieren?“

„Freuen wir uns, wenn die Sonne aufgeht und das schöne Licht kommt. Das Gaslicht kann ausgehen, das elektrische. Die Menschen stehen auf, wenn ihr Wecker schnurrt, es hat ein neuer Tag begonnen. Wenn vorher der 11. April war, ist jetzt der 12., wenn es ein Sonntag war, ist jetzt ein Montag. Das Jahr hat sich nicht geändert, der Monat auch nicht, aber es ist eine Änderung eingetreten. Die Welt hat sich weitergewälzt. Die Sonne ist aufgegangen. Es ist nicht sicher, was diese Sonne ist. Die Astronomen beschäftigen sich viel mit diesem Körper. Er ist ja, sagen sie, der Zentralkörper unseres Planetensystems, denn unsere Erde ist nur ein kleiner Planet, und sind eigentlich wir denn? Wenn so die Sonne aufgeht und man sich freut, sollte man eigentlich betrübt sein, denn was ist man denn, 300 000mal so groß wie die Erde ist die Sonne, und was gibt es alles noch für Zahlen und Nullen, die alle nur sagen, daß wir einen Null sind oder gar nichts, völlig nichts. Eigentlich lächerlich, sich da zu freuen.
Und doch freut man sich, wenn das schöne Licht da ist, weiß und stark, und kommt auf den Straßen, in den Zimmern erwachen alle Farben, und die Gesichter sind da, die Züge. Es ist wohlig, Formen zu tasten mit den Händen, aber es ist ein Glück, zu sehen, Farben zu sehen, Linien. Und man freut sich und kann zeigen, was man ist, man tut, man erlebt. Wir freuen uns auch im April über das bißchen Wärme, wie freuen sich die Blumen, daß sie wachsen können. Es muß ein Irrtum, ein Fehler sein in den schrecklichen Zahlen mit den vielen Nullen.
Geh nur auf, Sonne, du erschreckst uns nicht. Die vielen Kilometer sind uns gleichgültig, der Durchmesser, dein Volumen. Warme Sonne, geh nur auf, helles Licht, geh auf. Du bist nicht groß, du bist nicht klein, du bist eine Freude.“

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