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Es zählt, was zahlt

In einer Zeit, in der die Werte von Humanismus und Aufklärung auf Fundamentalismus stoßen und so in die Paradoxie einer Grenzbestimmung gedrängt werden, hat noch jemand den Gemeinplatz der Verteidigung von Werten, der droht in jeder Bedeutung gemein zu werden, für sich entdeckt: die Bundeswehr. Während wir nämlich unsere Werte noch verteidigen, macht die Bundeswehr schon lautstark Werbung dafür. Nix gegen die Werte, die sind nicht von schlechten Eltern, aber man schüttet das Kind nicht mit dem Bad aus und das Badewasser hat mit dem Kind nichts zu tun, außer dass es das ist, was das Kind vorher war: dreckig. Unser Problem ist nur, dass wir das Kind nur zu oft aus dem Bad werfen und dann vorwurfsvoll das Badewasser herbeizitieren. Und während wir nicht sicher sind, was – Kind oder Badewasser –, schaut ein kluger Schreiberling, der seinen Lohn verdienen muss, auf die Zeittendenzen und stellt fest: Werte liegen voll im Trend. Und notiert weiter: Wir stehn für sie. Das trifft sich natürlich ganz gut und die Form ist noch vor dem Inhalt da: Da unsere Werte alle Werte gelten lassen, müssen unsere Werte gelten, damit sie die Werte garantieren. Man kämpft also dafür, dass wir auch mal gegen so einen Krieg protestieren können, wir Uneinsichtigen. Fast wie Kinder, mit Nachsicht und einer verzeihenden Geste werden wir behandelt und abgehandelt. Egal, was wir wollen – eine koordinierte Truppe von bewaffneten Menschen macht es möglich. Der Weihnachtsmann mit der G36, wenn man so will, andernorts auch der Prophet mit der Kalaschnikow.

Ach, diese Abschlusswerte, diese Fazitwerte, diese Enlich-komm-ich-zur-Ruhe-Werte und Manchmal-muss-man-auch-hart-sein-Werte – vor ihrem Hintergrund sehe ich Tausende vom Leben unzufriedener, vielleicht prekären Familienverhältnissen, vielleicht bedrückenden psychischen Belastungen entfliehender junger Menschen durch die Schwarzen Zahlen, die Sicherheit und ein vorgeflüstert reines Gewissen ermuntert – zur Waffe greifen und einem Verband, der einen Texter mit gutem Durchblick erwischt hatte, beitreten, der mit Werten so viel zu tun hat, wie Kant mit Unpünktlichkeit. Denn, so die Aufforderung: Mach, was wirklich zählt. Und was zählt war schon immer: wo’s zahlt. Unter Vernachlässigung des guten Gewissens. Wenn dann noch das Gewissen gegeben ist, dann passt die Aufgabe, wie die Faust aufs Auge und kommt so sicher, wie das Amen in der Kirche.

Wieso ich so schreibe? Weil ich mich für einen von denen halte, für die gekämpft wird, damit sie dagegen sein können. Was mein Veto ist? Die Vermischung von Werten mit wertfremder Gewalt, die seit jeher sektiererisch wirkt und heruntergebrochen werden kann auf ein verallgemeinertes egoistisches Bedürfnis und die von Freiheit spricht und Waffen liefert, von Toleranz spricht und nur ähnliche Positionen tatkräftig unterstützt, von Menschenleben redet und am liebsten nur die eigenen Opfer erwähnt, aus einer gesamtmenschlichen Tragödie eine Tragödie der Ausnahmemenschen zu dichten versucht. Und über diese Tragödie beginnt billige Werbung zu machen, für bereitwillige Menschen mit Mangel an eigener Urteilskraft und dem Wunsch nach einer fremden. Ich stimme in einen Chor ein, der seit Äonen gegen Abstumpfung spricht, gegen wirtschaftliche Erwägung in Sachen Dasein und jeden Missbrauch Lenkbarer im falschen Moment.

Kanonenlärm auch nicht.

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Differenzen

In Syrien fallen Bomben, hier fallen die Baguettes zu groß aus.

Organisierter Fußball stand bei mir schon immer unter dem Verdacht, eine Anstalt für Ermunterung zur Geistesdebilität zu sein – und zwar einer, die nicht Mutter Natur verschuldet ist, sondern einer, die mit einem Augenzwinkern aus Urzeit- und Höhlengründen für schick gehalten wird – der gute Ton des Tiers sozusagen. Diese Beobachtung habe ich an grölenden Fußballfans diverser Vereine bestätigen können, Anhängern, die sich mit ihrer Mannschaft vermöge hohen Bierkonsums, oftmals gepaart mit Übergewicht und unter Zuhilfenahme bunter Schals und Mützen identifizieren – eine erstaunliche Divergenz zwischen den athletischen Vorbildern und den müllhaldereifen Bewunderern, wenn man das einmal in Ruhe betrachtet.

Das ist aber nichts Neues für mich. Es ist auch nichts Neues für mich, dass diejenigen, die sich als Leser für die Ereignisse rund um Bälle interessieren – wenn sie sich vermöge der ihnen angewachsenen nicht gerade sinnlos fortpflanzen –, dass diese Leserschar nicht gerade wählerisch sein dürfte: Der Hang zu Tratsch und Intimsphärenspäherei haben seit jeher den durschnittlichen unfähigen Bürger geprägt und die natürliche biologische Entwicklung stellt, trotz rasanten technischen Fortschritts, keinen baldigen Wandel in diesem Bereich in Aussicht.

In diesen Zusammenhängen dürfte es eigentlich mein Nervensystem keineswegs erregen, dass diese Fußballer, deren Fans, kleine minderbemittelte Jounaillisten und deren schöpfkellenäugige Leserschaft in dieser, wie in jeder anderen Zeit auch, stumpfsinnig und unwandelbar ihren kleinen Vorlieben frönen, indem sie sich weiter um die weltbewegenden Ereignisse rund um das schwarz-weiße Rund drehen. Dass in dem Rahmen die Redaktionen nicht einmal von der kleinsten Unbedeutendheit zurückschrecken, sollte angesichts des jahrelangen Studiums der schwachgeistig-gierigen Natur von Redakteuren der Tratsch- und Sensationspresse keineswegs verwundern.

Aber es tut es und schuld daran ist die unerträgliche Simultaneität und Symlokalität inkommensurabler Ereignisse. Dazu gehört, dass dieselbe Plakatsäule für erotische Massagen und daneben für Vasektomie wirbt (wo? Frankfurter Alle), dazu gehört, dass in Syrien Bomben fallen und hier ein zu groß ausgefallenes Baguette für Erregung sorgt und dazu gehören die weltfremden und den Sachverhalt völlig verkennenden Worte, die einem mechanisch-ökonomischen Denken entspringen, von keiner Menschlichkeit zeugen und als ernst gemeinter Kommentar zur Aufnahme von Mitmenschen in Not dienen:

„Das tun wir aus Solidarität und Verantwortung, aber auch aus eig’nem Int’resse.“
(am 22.09.2015 im Wortlaut vernommen – und den suspendiert keiner. Hat wohl das Baguette gefehlt…)

Angesichts der Tatsache, dass ich ein in den Dummheiten meiner Mitbürger gebildeter Mensch bin, sollte es mich auch nicht verwundern, dass jemand so tief angefault sein kann, von irgendwelchen „Interessen“ zu reden, wo es um die Rettung menschlicher Existenzen geht, die durch die Hölle gegangen sind, die ein geregeltes Leben und ein gewohntes Umfeld verloren haben und sich gerade in der Fremde ohnehin verunsichert und deprimiert genug fühlen dürften. „Solidarität und Verantwortung“ ist ein guter Auftakt, aber die Fortsetzung verrät schon die schülerisch eingetrichterten und nie zu eigen gemachten Inhalte dieser zur hohlen Phrase gewordenen Werte. Auch bei Aussprüchen, wie dem eben zitierten, gilt:

Weniger ist manchmal mehr.
…und mehr ist manchmal nur eine Schande.

Alles zusammen genommen, sollten mir erotische Massagen, Bomben, Minister und Vasektomien (nicht nur von Minstern) am Podex vorbeigehen. Aber ich würde weder meiner Nervenerregung, noch meiner Tätigkeit bei hirn-und-weg gerecht werden, wenn ich solche Momente nicht mit aller Kraft durch den Dreck zöge, der sie sind.

Unser gemeinsamer Weltanschauungsgulasch

Auszug aus einem Monolog.

[…]

Hat jemand das Wort Weltsicht verlautbaren lassen? Eitler Gedanke! Wir ernähren uns von Welt­anschauungsgulasch, das mit immer höherem Druck in unsere Sinnesorgane gepresst wird. Da findet sich alles drin, angeteaserte Jahrtausende Menschheitsgeschichte rasen durch den Verdauungs­trakt und wir ahnen nur, dass jedes dieser Fragmente zu etwas Größerem gehört, das wir bei solcher Dynamik nicht mehr herausschmecken können. Für unsere Werbeslogans reicht ja meist auch nur eine Ahnung von den Religionsstiftern und Philosophen, von den Naturwissenschaftlern und den Riesen der Technik, von Gesellschaftsstrukturen und gegenwärtigen politischen Ereignissen, von der Demokratie und Diktatur, von Liebe und Pflicht und was noch alles – ich tu es ja gerade selbst vor und schauen Sie, wie prächtig es funktioniert. Nein, meine Damen und Herren, Sinnsalat, Welt­anschau­ungs­gulasch, Erlebnishackfleisch, von mir aus selbst ein Empfindungspudding zum Dessert, aber lassen Sie uns das Wort Weltsicht fortan bitte nicht mehr benutzen. Es ist eine Vermessenheit unserer Ahnen und hat mit unserer Zeit rein gar nichts mehr zu tun.

[…]

Halleluja! Die Christen-App ist da!

Die Realität gibt heute so viel Stoff her, dass es eine Sünde wäre, überhaupt noch je etwas zu erfinden. Dieser Satz schoss mir durch den Kopf, als ich durch eine Kette von Zufällen, wie sie im Internet-Alltag das Natürlichste sind, auf eine amerikanische Seite gestoßen war, auf der stolz eine App geschildert wird, die nun jeder herunterladen kann. Die App richtet sich in erster Linie an gläubige Christen und nennt sich APPostle. Unter Verwendung der Koordinaten des Nutzers vermittelt sie ihm solche nützlichen Infos wie: Wo sich die nächste Kirche seiner (christlichen) Glaubensrichtung befindet, wie der Pfarrer heißt, wie er von anderen Kirchen-Usern bewertet worden ist hinsichtlich Vortrag, Auslegung und Beichte, wie die Lichtverhältnisse sind, ob es zieht etc. Aber dabei hört es nicht auf: Der gläubige Christ kann bei einigen Kirchen mittlerweile am Gottesdienst teilnehmen, ohne in der Kirche zu sein! Dazu muss er nur den Videotransfer-Knopf aktivieren und schwupps erblickt er auf dem Bildschirm aus der Kirchenschiff-Perspektive den Pfarrer und hört die Predigt. Dabei kann man die Predigten live streamen (god-stream), aber auch verpasste Episoden nachträglich anschauen (re-god). So kann auch z.B. der Berufspendler auf der Autobahn seinen religiösen Pflichten nachkommen. Zudem bieten viele Kirchen mittlerweile die sogenannte E-Beichte (e-confession) an, bei der man von jedem Ort aus dem Pfarrer in einem persönlichen Gespräch seine Sünden beichten und Buße tun kann. Da stellt sich einem die Frage, ob bei dieser Entwicklung Kirchen nicht bald der Vergangenheit angehören werden und die Gemeinde sich schlechthin im Netz versammelt. – Kosten einsparen würde das definitiv.
Mein Fazit: Ich dachte ja immer, dass das mit dem Glauben generell eine sehr einfache Angelegenheit sei, aber APPostle von der Firma Softgod hat mich eines Besseren belehrt – es geht immer leichter. Das Schlusswort will ich den Entwicklern überlassen, die mit ihrem Werbeslogan absolut ins Schwarze getroffen haben:

APPostle – believing has never been easier!

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Im Übrigen ist für den, der glaubt, auch das hier interessant:
E-Confessions App
Aps for Christians