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Zwischen Liebe und Auflehnung

Ulrike Edschmids „Das Verschwinden des Philip S.

Ist es ein Zeitdokument oder eine Liebesgeschichte? Ist es wirklich ein Roman oder sind es stilisierte Memoiren? Solche Fragen schossen mir immer wieder durch den Kopf, während ich Ulrike Edschmids Das Verschwinden des Philip S. las.

In dem Buch wird die Geschichte der Beziehung zwischen Ulrike Edschmid und Philip S. erzählt. Diese beginnt an der Berliner Filmakademie, an der Ulrike hofft, den Mann anzutreffen, der sie mit einem Kind allein gelassen hat. Stattdessen begegnet sie Philip S., der frisch eingeschriebener Student dieser Akademie ist. Dieser bietet ihr seine Hilfe beim Tragen an und teilt bald ohne viel Nachdenkens sein Leben mit ihr und ihrem Sohn.
Er stammt aus einer reichen Schweizer Familie, da er sich aber nicht den Vorstellungen des Vaters fügen will und die Künstlerlaufbahn anstrebt, wird der Kontakt zur Familie kalt, formal und bricht schließlich völlig ab. Philip S. beginnt sein Künstlerlaufbahn in der Schweiz, gelangt dann nach Berlin und ist in der Großstadt auf sich allein gestellt.
Während er anfangs eher als ein in sich gekehrter Ästhetizist für die Kunst lebt, dreht ein Ereignis sein Verhältnis zur Welt um: die Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg durch einen Polizeibeamten. Zwischen Kunst und Gesellschaftskritik entscheidet er sich für letztere und wird zu einem Mitglied der Bewegung 2. Juni. Er arbeitet an einer Zeitung für den Untergrund und hält sich zunächst – so Edschmids Bericht – aus direkt illegalen Tätigkeiten heraus. Als jedoch die beiden wegen der Verleihung ihres Autos, aus dem eine Bombe geworfen wird, wegen Verdachts in lange Untersuchungshaft kommen, ändert sich deren Verhältnis zum Staat: Ulrike entscheidet sich für die Familie – nicht nur aus einer Schwäche heraus, sondern auch, weil sie Zweifel hat am aggressiven Vorgehen gegen den Staat. Ihr Motto ist: Man muss bei sich selbst anfangen. Philip lehnt sich erst jetzt richtig auf, weil er die Ungerechtigkeit des Staates am eigenen Leib erfährt. Sein Motto ist: Wenn wir den Kindern von morgen eine gute Zukunft bieten wollen, dürfen wir unsere Versuche nicht aus egoistischen Rücksichten auf unser privates Glück zurückstellen.
Bis zum Gefängnis verlaufen beide Leben gleichförmig, danach entfremden sich die Beiden: Philip S. radikalisiert sich, Ulrike hat Angst um ihr Kind und geht den Anweisungen Philips nur ungerne nach. Es sind zwei Lebensentwürfe, die sich immer weiter voneinander entfernen und die die folgende Passage aus dem Buch auf den Punkt bringt:
„Ich spreche von dem, was mich die Kinder lehren, davon, dass sie mich lehren, mit Veränderungen in der kleinen inneren Ordnung meiner selbst zu beginnen. Er spricht von dem alltäglichen Widerstand in den Fabriken und Arbeitervierteln, dass er dort ansetzen will mit zielgerichteten Aktionen, die nur aus dem Untergrund zu leisten sind. Während ich mich daran halte, dass es oft der nicht kontrollierbare Zufall ist, der das Bewusstsein verändert, nicht das absichtsvolle Handeln, vertraut er auf die richtige Analyse, die im richtigen Augenblick die richtige Aktion hervorbringt. Wir tasten uns ab, aber wir berühren uns nicht.“ (S.140f.)
Die Bemühungen Philip S.‘ enden mit seinem Tod, seine Gefährtin lebt weiter.
Eine Eigenart des Buchs ist, dass es mit dem Tod Philip S.‘ beginnt und von diesem her alle Ereignisse immer wieder aufrollt. Dadurch gewinnt es eine anklagende Qualität. Ebenso wird hier aber weniger vom politischen Aktivisten erzählt, sondern vom fürsorglichen Menschen, der bereit ist, für eine Familie Sorge zu tragen wie auch immer mehr vom Wunsch besessen wird, für Menschlichkeit einzustehen, die er meint, durch Bekämpfung staatlicher Unterdrückungsmechanismen durchsetzen zu können. Dieser Hang zu Menschlichkeit nimmt den Leser für Philip S. ein und verleiht dem Text eine emotionale Komponente.

Obwohl das Buch ein geschichtliches Fundament hat und sehr einfühlsam geschrieben ist und obwohl es durchaus kunstvoll gebaut ist und auch auf Wortebene durch viele gelungene Aussagen überzeugt, ließ es mich ratlos und irgendwie unbefriedigt zurück. Ich hatte oft das Gefühl einen anklagenden und emotionalen Bericht über eine persönliche Beziehung zu lesen, der mir nicht an das heranreichte, was Literatur für mich ist, was für mich einen Berlin Alexanderplatz ausmacht, der auch eine starke politische Dimension hat. Auf der anderen Seite vermisste ich im Sinne des Berichts die Details und das fundierte Wissen, das einen solchen dem Leser als Zeitdokument wertvoll werden lassen. Das Buch blieb für mich ein Zwischending.
Man kann mich nun angreifen und ich habe es mir selbst immer wieder vorgeworfen: Muss Literatur überhaupt vielschichtig sein, sollte sie denn nicht etwas enthüllen, das von Belang ist und dadurch Veränderungen im Denken hervorrufen? Kann man also einem Text sein Persönliches und sein Berichtendes vorwerfen? Hat man überhaupt etwas von einem Text zu fordern?
Dass er eine solche Grundsatzfrage in mir ausgelöst hat, zähle ich zu den Qualitäten des Textes, denn in ihm geht es ja um nichts anderes: Die Frage, ob Kunst genügt, wo Repression deutlichere und weniger gekünstelte Aussagen verlangt. Philip S. beantwortet die Frage mit einer radikalen Wendung. Die Autorin beantwortet sie vielleicht, indem sie sich dem Wunsch des Lesers nach einem besonderen Stil des Geschriebenen nicht nachkommt. Das ist es aber auch, das den Text für mich auf weiten Strecken repetitiv und mühevoll zu lesen macht.
Was mir das eher negative Urteil schwer macht, ist der Umstand, dass es sich hier um ein wirkliches Ereignis handelt und um eine Ungerechtigkeit, mit der ich mich nicht einverstanden erklären kann. Aber ich halte es dennoch für wichtig, zwischen der moralischen Beurteilung eines Ereignisses und der Vielschichtigkeit und formalen Gestaltung eines Kunstwerks zu unterscheiden. Und so empfehle ich das Buch dem Leser, der seine Kenntnis jener Ereignisse nicht einfach vertiefen, sondern eine grundsätzlich andere Perspektive darauf gewinnen möchte – eine Perspektive, die nicht die öffentliche und gängige ist –, als literarisches Werk (Roman) kann ich diesen Text aber leider nicht empfehlen.

Zum 2013 im Suhrkamp-Verlag erschienen Buch geht’s hier.

Lieber hässlich als verloren

Über Jennifer Clements Gebete für die Vermissten.

Auch wenn viele Frauen behaupten, dass sie nicht als Objekt gesehen werden wollen, so besteht doch in unserer Gesellschaft ein sehr hoher Wettbewerb um Attraktivität, der gestützt wird durch ein erschlagendes Angebot an sogenannten Schönheitsartikeln, die in der Regel auf die Oberfläche auf­getragen werden, also auf das, was das Objekt am Menschen ausmacht.
Wenn mir jemand vor ein paar Tagen gesagt hätte, dass Frauen in anderen Teilen der Welt das Gegenteil von Schönheitspflege, also Hässlichkeitspflege betreiben, indem sie sich z.B. mit schwarzem Filz­stift die Zähne verfärben, hätte ich es zunächst nicht geglaubt. Nicht, weil ich mir das nicht vorstellen kann, sondern weil ich nie in diese Richtung gedacht hatte.
Das änderte sich mit der Lektüre des Romans Gebete für Vermissten von Jennifer Clement. Die in Mexiko-Stadt geborene Schriftstellerin hatte für diesen Roman nach eigenen Angaben zehn Jahre recherchiert, innerhalb welcher Zeit sie mit entführten Frauen, deren Müttern und den Frauen und Töchtern von Drogendealern, sowie mit Gefängnisinsassinnen gesprochen hatte, die im Zusammenhang mit Prostitution, Drogenvertrieb und anderen kriminellen Machenschaften dort gelandet waren. Was auf dieser Grundlage entstanden ist, ist ein Roman, der es schafft aus der Sicht eines betroffenen Mädchens das Leben in einem kleinen Ort zu schildern und dabei die Ursachen des Elends von Frauen in Mexiko mit dem Schicksal des Mädchens zu verweben, ohne dass es gewollt wirkt und ohne dass ungeschickt moralisiert würde.
Wir finden uns in einem kleinen Ort in Guerrero wieder und erleben die Welt durch die Augen eines jungen Mädchens namens Ladydi, das bei seiner Mutter wohnt. Der Vater hatte die beiden früh verlassen, um in den USA eine Arbeit zu finden und bald aus ihrem Leben ganz zu verschwinden. Er ist damit einer von Vielen, die den Versuch der illegalen Ein­wanderung in die USA unternehmen und von denen viele an der Grenze entweder erschossen werden, im Rio Grande ertrinken oder auf dem Fußmarsch durch die Wüste verdursten. Im Gegenteil zu vielen, schafft er es aber, eine Existenz dort aufzubauen und – eine neue Familie zu gründen. Unter der Obhut der ressentimentgeladenen und in den Alkoholismus abdriftenden Mutter, die zudem an Kleptomanie leidet und die die erdrückende Realität durch ununterbrochenes Fernsehen bewältigt, wächst Ladydi auf. Bis auf einen männlichen Lehrer, der im Ort sein soziales Jahr ableistet, leben dort nur Frauen mit ihren Töchtern – was männlich ist, verschwindet so schnell als möglich wegen beruflicher Aussichtslosigkeit und der Gefahren durch die dort ungezügelt vorherrschende Kriminalität oder schließt sich einer der unzähligen Drogenbanden an.
Jede der Frauen im Ort erzählt, dass sie keine Tochter, sondern einen Sohn großziehe, bis die weiblichen Merkmale der Tochter unverkennbar werden. Danach sind sie nur noch darum bemüht, ihre Töchter möglichst abstoßend aussehen zu lassen und zu verstecken. Das ist keine Verdrängung des Männermangels, sondern hängt mit den kriminellen Banden zusammen, die jeden Augenblick auftauchen und die Mädchen den Müttern entreißen können, um diese als Prostituierte und Sklavinnen zu verkaufen. Ein solches Schicksal verkörpert Paula, das schönste Mädchen im Ort, das nach seiner Entführung eines Tages in Sträflingskleidern und völlig verwirrt in den Ort zurückkehrt und diesen sehr bald mit seiner Mutter für immer verlässt. Auch Ladydi wird mit der Zeit in Umstände verwickelt, die sie ins Gefängnis bringen, wohin der Leser ihr folgt. Dieses scheint tatsächlich der einzige Ort, an dem die jungen Frauen sich sicher fühlen und den viele von ihnen nicht verlassen wollen. Dort kompensieren sie das, was in Freiheit eine Gefahr war: Schönheit und deren Pflege.
In der Tat, stellt sich dem Leser die Frage, welcher sichere Ort für die ländliche Bevölkerung existieren kann, wenn die Drogendealer mit ihren Banden tun und lassen können, was sie wollen und selbst die Polizei oft, anstatt sie zu bekämpfen, mit der Mafia gemeinsame Sache macht. Und darin liegt die große Leistung des Buches, dass es aus der Sicht eines Mädchens diese ihm feindlich gesinnte Welt erzählt – nüchtern und keineswegs vorwurfsvoll, sondern eher von einer sich durch das ganze Buch ziehenden Sehnsucht nach Normalität untermalt.
Dieses Buch kann ich jedem empfehlen: Es wird die Augen öffnen für soziale Missstände und es wird doch nie erscheinen, als sei es politischen Zwecken untergeordnet, da wir es mit dem Schicksal eines Menschen zu tun haben, in dem wir uns leicht wiederfinden können, der keine Parolen spricht, sondern lediglich den Wunsch nach einem menschenwürdigen Leben hegt.

Zum jüngst im Suhrkamp Verlag erschienenen Buch geht’s hier.