Category Archives: Theoretisches

Vergangenheit in der Gegenwart

These: In dem Sinne, dass sie aus Andeutungen einer Vergangenheit in der Gegenwart Spannungen erzeugt, bedarf Literatur der Geschichte. Es gibt keine Charaktere, die nicht geprägt wären, ihre Reaktionen drücken diese Prägung aus, der Ursprung aller Prägungen aber liegt in vergangenen Ereignissen und also in der Vergangenheit.

Die reine Kopflosigkeit

Zufälle lesen lernen: Eine Einführung

kopflosigkeit
Kopfverloren steht er an einer Kirchenfassade

Wir lieben Fragmente. Mit unserer Phantasie erschließen wir uns das Bruchstückhafte, in unseren Köpfen vollenden wir es und schätzen das Resultat mehr als die ursprüngliche Form. Wir sind eben Handwerker – auch mit unseren Köpfen. – Welcher Sinn lag in der Statue des Mannes mit der Spitzhacke an der Fassade, als sein Körper noch über einen Kopf verfügte? Richtig: ein anständiger Arbeiter. Doch jemand nahm ihn den Kopf ab. Vielleicht wollte er ihn als eine Art Trophäe bei sich aufstellen, vielleicht passte ihm der Kopf auch nicht recht ins Gesamtbild. Und welcher Sinn liegt wohl jetzt in der Statue des Mannes? Richtig: – …

Fatologie (ii)

Ein Freund hat mir Gestelztheit vorgeworfen: Worte wie Schicksal und erst recht Fatum gehörten einem anderen Zeitalter, einem anderen Denken an und sie zu verwenden, sei genauso wie mindestens 300 Jahre Geschichte, womöglich aber auch mehrere Jahrtausende zu ignorieren. Daran ändere auch die pseudowissenschaftliche Wortform Fatologie nichts. Das Wort Schicksal bezeichne eine abstrakte äußere Macht zwischen Gottheit und Naturgesetz, die den menschlichen Willen übersteige und der gegenüber der Mensch keine andere Haltung einnehmen könne, als die der Fügung. Das sei aber eine fortschritts- und zivilisationsfeindliche und auf nichts als der menschlichen Ohnmacht basierende Haltung, die man heute unmöglich vertreten könne.
Gut also, dass ich ihm gleich antworten konnte, dass ich sie auch gar nicht vertrete und dass es meinen anmaßenden Implikationen zu verdanken sei, dass ich hinter diesem Begriff dennoch glücklich stehen kann. Implikationen, die ich freilich gleich hätte erklären müssen, wie ich ebenfalls gestand.
Mein Begriff des Schicksals ist der eines aus Erfahrungen abgeleiteten Konstrukts des Menschen selbst, das er in der Zeit immer mehr verfeinert und an seine Mitwelt anpasst und in das er sich immer wieder fügt. Also fügt sich der Mensch keiner fremden Macht, sondern er fügt sich einem gedanklichen Zwischenstand seines eigenen Geistes. Das erscheint für mich relativ frei und ich kenne keine Alternative dazu.
Mein Begriff des Fatums ist der der Betrachtung eines solchen menschlichen Schicksals von außen, d.h. z.B. durch einen Autor, der Vermittlung eines solchen Schicksals in einem übergeordneten Medium, d.h. z.B. in einem Prosatext oder einem Gedicht.
Gut, dass wir das schon einmal geklärt hätten.
Aber was heißt dann, dass der Schriftsteller – ein vermessenes Wort, ich gestehe – Schicksal aufbaue und was heißt dann erst recht, dass er es dekonstruiere?
Nun, das ist die Doppelrolle des Schreibenden als Überwinder und als Erzeuger von geistigen und gesellschaftlichen Zuständen, als Rebell und als Autorität. Diese Rolle hat natürlich jeder vernünftige schreibende Mensch von sich zu weisen, als nicht mehr in seiner Verantwortung liegend und doch wird er so wahrgenommen und – vermutlich zurecht.
Texte, wie die Texte der Romantiker, die zur Welt eine Gegenwelt entwerfen, die dem geschäftigen Alltag eine verzauberte Innensicht eines einsamen Wanderers entgegenstellen, können an ihrem Ursprung in dem naiven Glauben entstanden sein – und ich glaube sogar, dass es genauso war –, dass diese Gegenfigur nicht nur eine Alternative zum bemängelten pragmatisch-anämischen Mitmenschen sei, sondern dass sie sogar eine Lösung darstelle. Wohin diese Lösung allerdings führt, haben die Texte der Romantiker auch zur Genüge gezeigt – manchmal war die Botschaft latent vorhanden, manchmal trat sie offen zutage: es geht in unerträgliche Seelenzustände einer vereinsamten Existenz hinein und von dort aus entweder in den Wahnsinn oder zu Gott – was mancher geneigt sein könnte, für dasselbe zu halten.
Am Beispiel der Romantiker wäre dann zu konstatieren: Die Texte entwerfen Schicksale, indem sie andere bemängeln, von Sinn befreien, dekonstruieren und ihnen Alternativen entgegenstellen. Und diese Schicksale wiederum werden wieder bemängelt und dekonstruiert und an ihnen entlang wieder neue abgegrenzte entworfen. (Oder auch nicht: Dann ist ein Text ein Problem, was die höchste Leistung eines Textes für mich darstellt.)
So stellt sich dem Typ des unnütz-schwelgenden Romantikers, der nicht nur sich selbst zugrunde richtet, sondern auch noch Andere mit seiner Phantasterei ansteckt, der praktisch veranlagte rebellierende Arbeiter entgegen, der den Fortschritt und die harte und unmittelbare Arbeit lobt und der in der gesellschaftlichen materialistischen Erfüllung menschlicher Bedürfnisse das Ziel der Entwicklung sieht und ästhetizistische Phänomene als Weltflucht, Faulheit und zuweilen auch als ein Instrument der Unterdrückung der oberen Klassen verwirft.
Aber wehe!, dem Typus des Arbeiters tritt gleich der Typ des Führers entgegen, ohne dessen Anleitung jeder Versuch der Masse scheitern muss, da diese sich nicht zu organisieren vermöge. Und dem barbarischen Führer, der zu oft seine Untertanen, die nicht „durchblicken“ missbraucht, schließt sich verdammt gerne der Typ des selbstlosen Gelehrten an.
etc. pp
Diese alle beobachtet, greift auf und überarbeitet zuweilen der sogenannte Schriftsteller.
Und darin – in dieser ständigen Bewegung zwischen Festigung und Auflösung von verschiedenen Formen, die ich als Fatum oder Schicksal bezeichnen will, die sich die Menschen von der Welt und den Erfahrungen in ihr her ableiten und in die sie sich fügen – eben darin liegt das für mich, was ich zum Ausdruck bringen will, wenn ich behaupte, der Schriftsteller halte „das Schicksal in der Schwebe“.
„Eigentlich ganz profan, oder?“, fragte ich meinen Freund.
Aber der antwortete mir leise: „Du kannst sagen, was du willst, aber für mich spielst du dich doch eher auf wie der Romantiker, der Führer oder der Gelehrte und darin bist du mir unsympathisch geworden.“
„Wenn du meinst“, sagte ich zu ihm.
Dann zögerte ich und fügte doch hinzu: „Und welcher von beiden bin ich nun, wenn ich unser Gespräch schreibe?“

Unser gemeinsamer Weltanschauungsgulasch

Auszug aus einem Monolog.

[…]

Hat jemand das Wort Weltsicht verlautbaren lassen? Eitler Gedanke! Wir ernähren uns von Welt­anschauungsgulasch, das mit immer höherem Druck in unsere Sinnesorgane gepresst wird. Da findet sich alles drin, angeteaserte Jahrtausende Menschheitsgeschichte rasen durch den Verdauungs­trakt und wir ahnen nur, dass jedes dieser Fragmente zu etwas Größerem gehört, das wir bei solcher Dynamik nicht mehr herausschmecken können. Für unsere Werbeslogans reicht ja meist auch nur eine Ahnung von den Religionsstiftern und Philosophen, von den Naturwissenschaftlern und den Riesen der Technik, von Gesellschaftsstrukturen und gegenwärtigen politischen Ereignissen, von der Demokratie und Diktatur, von Liebe und Pflicht und was noch alles – ich tu es ja gerade selbst vor und schauen Sie, wie prächtig es funktioniert. Nein, meine Damen und Herren, Sinnsalat, Welt­anschau­ungs­gulasch, Erlebnishackfleisch, von mir aus selbst ein Empfindungspudding zum Dessert, aber lassen Sie uns das Wort Weltsicht fortan bitte nicht mehr benutzen. Es ist eine Vermessenheit unserer Ahnen und hat mit unserer Zeit rein gar nichts mehr zu tun.

[…]

Vom Aphorismus

Jesus, der schlechte Aphoristiker

Das ist natürlich provokant und vielleicht auch etwas anmaßend von mir, Weisheiten die sich durch zwei Jahrtausende an Tradition gewaschen haben, zu hinterfragen, allein, ich weiß, wie empfänglich die Menschen für Halbdurchdachtes sind, weil sie zu oft nur den Willen zum Halbverdauen aufbringen und ihr Halbverdautes dann leichtfertig (und meist noch unnötig autoritär) zum Weiterverdauen der nächsten Generation anvertrauen.
Zu welchen Folgeerscheinungen solche tradierten Verdauungsprobleme führen können, lässt sich geschichtlich so vielfältig belegen, dass ich, wie Buridans Esel, mich für kein Beispiel entscheiden kann und also in der Beispiellosigkeit verharre. Ich vertraue meinem Leser und dem ich nicht vertraue, der ist nicht mein Leser und liest das hier sowieso nicht.
Wieso also war Jesus nun ein schlechter Aphoristiker?
Dazu müsste man vielleicht klären, was ein Aphorismus leistet bzw. wie er sich von z.B. einer philosophischen Maxime unterscheidet. Den Aphorismus unterscheidet von einer auf begriffliche Schärfe zielenden Maxime die Anwesenheit von Witz. Witz ist das Vermögen Ähnlichkeitsbeziehungen herzustellen, die zu einem logischen Schlussmechanismus verstärkend hinzukommen oder an seine Stelle treten und damit den logischen Aufbau des in einem Aphorismus hervortretenden Gedankens verdecken und eine Verwunderung beim Leser erzeugen, der eine vom Text ausgehende Wirkung spürt, ohne sich genau erklären zu können, worauf diese beruht: Man wird von einer kleinen Wortgruppe überfallen oder gekitzelt oder vergewaltigt.
Ich will das an meinem kleinen Aphorismus Insider demonstrieren:
Das Wort Insider wird gebraucht für jemanden, der mehr weiß, als der gewöhnliche Mitmensch, der Otto Normalverbraucher, der dritte Stand etc. Ein Insider ist damit ein Eingeweihter, jemand, der über ein Mehrwissen verfügt, das nicht jedem zur Verfügung steht, er ist in etwas involviert, also Teil einer Geheimgemeinschaft, einer kleinen Gruppe, die sich abgesondert hat und deren Mitglieder das Wissen nur untereinander teilen. Und er empfindet sich durch diese seine Einweisung in die Mysterien als eine überlegene Existenz.
Ich bediene mich nicht zufällig religiöser (und psychopathologischer) Semantik, um den Insider zu definieren, denn die Bildung gottesnaher Kreise etc. beruht genau auf demselben Mechanismus, auf dem auch das profane Insidertum beruht und das sich folgendermaßen herausbildet:
1. Man beobachtet, dass die meisten Menschen nicht imstande sind, bestimmte Sachverhalte zu begreifen und dass man auf mehr Ablehnung als Dank stößt, wenn man versucht, ihnen den Gefallen einer Aufklärung zu tun.
2. Man bewertet die Mehrheit der Menschen als intellektuell grob gestrickt und moralisch unter aller Sau und distanziert sich von dieser.
3. Man arbeitet noch intensiver an seinem Mehrwissen und versucht daraus ein geschlossenes System zu bilden, das eine solche Absonderung vom Rest der Menschheit nicht nur erklärt, sondern geradezu heiligt.
4. Man ist nun Teil einer kleinen Sekte, die sich überlegen gibt und beim gewöhnlichen Menschen leicht die Vorstellung einer geheimen Verschwörung erweckt.
So weit, so gut und sicher auch in einigen Fällen begründet, dachte ich mir. Aber ich sah so viel Insidergetue, das – einmal für mich Außenstehenden erklärt – sich als eine gemeinsam ausgehandelte Dummheit herausstellte, sodass sich in mir nach und nach ein Groll auf dieses Getue herausbildete.
Ein Insider zu werden, ist generell leicht: Man braucht dazu nur zu wissen, dass jedes Ding eine Innenseite hat und dass man sich also in jedem Gegenstand von den anderen absondern kann. Aber ob damit irgendeine Leistung verbunden ist, bleibt von Fall zu Fall zu entscheiden.
Angenommen Obama hätte seit Jahren Harninkontinenz und trüge zu diesem Zweck ein Kondomurinal mit sich herum und davon wüssten nur seine Frau, eine Sekretärin und ein paar Kollegen vom Herrenklo. Jetzt müssten die sich nur noch unter dem Banner dieses Wissens vereinigen. Sie wüssten mehr als Andere, sie könnten einander sehr geheimnisvolle und wissende Blicke während der Reden Obamas zuwerfen, während der normale Amerikaner an der leichten Zuckung der Mundwinkel nicht erkennen würde, dass nun das Urin wieder aus Obamas Blase in den Plastikbehälter läuft. Es wäre aber peinlich, aus solchem Mehrwissen so etwas wie eine existentielle Befriedigung oder gar Erfüllung abzuleiten. Und so in vielen weniger klaren Fällen.
Geheimnisgetue mit dem Anspruch auf Überlegenheit wurde mir also suspekt und nun fehlte nur noch ein anschauliches Beispiel, um es auf die Spitze zu treiben. Dieses Beispiel fand ich im Fötus.
Der Fötus ist ein Insider, er steckt im Mutterleib drin, er hat noch keine Wahrnehmung von der Außenwelt gehabt, geschweige denn einen Gedanken gebildet, er ist kein Individuum, er ist noch eher Teil der Mutter, gänzlich versorgt, gebildet und abhängig. Das Wort Insider ist hier also wörtlich und bildlich gebraucht, und mit der Frage nach seiner eigenen Leistung wird die Vorstellung der Überlegenheit, die man mit dem Insidersein verbindet, angegriffen. Ich hätte auch schreiben können: Es reicht nicht einfach nur Insider zu sein, man muss auch Insider in der richtigen Sache sein. Aber durch das Fötusdasein habe ich gleichsam die „falsche“ Sache gezeigt, den Fall, in dem man sich nicht darauf berufen darf. Und von dort kann der verwunderte Leser weiterdenken.
Wieso aber war Jesus nun ein schlechter Aphoristiker?
Wir nehmen dazu folgenden Ausspruch:
„Was siehest du aber den Splitter in deines Bruders Auge und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?“ (Matthäus 7:3)
An dem Gleichnis lässt sich zwar ablesen, was gemeint ist: Man sieht und verurteilt die kleinsten Mängel an seinem Mitmenschen und überblickt die eigenen Mängel als Mensch nur zu gerne. Man misst mit zweierlei Maß. Man ist kein gerechter Richter.
Aber das Gleichnis ist auch so dumm konstruiert, dass man darauf gewitzt antworten könnte: Wie sollte es anders sein, lieber Jesus?
Den Splitter im Auge des Bruders sieht man, weil er im Auge des Gegenübers steckt, den Balken im eigenen Auge sieht man aber nicht nur, weil er im eigenen Auge steckt, sondern sehr wahrscheinlich auch deswegen, weil ein Balken im Auge mindestens die vollständige Zerstörung des Auges zur Folge hat, wenn nicht gar den Tod des Sehenden – wie soll man da bitte auch den Balken noch sehen? Diese Weisheit schadet sich also auf formaler Ebene selbst, indem sie sich ins Lächerliche zieht, wenn man die Bildlichkeit – die bei Sentenzen immer unterstützend gemeint sein sollte – ernst nimmt. Aber bei Christen besteht zum Glück diese Gefahr des Ernstnehmens (= kurz mal selbst denken) nicht. Und wenn doch, dann wird die Angelegenheit so oft umgebogen, bis sie – völlig entstellt – wieder dem common sense verdaulich erscheint. Wir sind aus dem Alter der bemühten Vergleiche heraus, wir müssen zusehen, dass unsere Vergleiche semantisch oder bildlich sauber ineinandergreifen, denn alles andere füttert nur die ohnehin blendend ausgeprägte Stumpfsinnigkeit.