Der Geist der Revolution

Herr Stiefelheim, der für die Es-tut-mir-leid-Schreiben seiner Firma verantwortlich gewesen war, hatte eines Tages plötzlich mit Schrecken festgestellt, dass ihm überhaupt nichts von dem, was er je geschrieben hatte, wirklich Leid getan hatte, dass auf ihn vielmehr – hätte ihm tatsächlich alles Leid getan, was er im Laufe seiner Angestelltenlaufbahn verfasst hatte – ein solcher Berg Leids zuge­kommen wäre, dass er ihn schlicht und ergreifend erdrückt hätte.
„Die Tatsache, dass ich aber hier vor Ihnen stehe, beweist mehr als hinlänglich, dass dem nicht so gewesen sein kann“, schloss er vor seinem Chef, der vor lauter Erstaunen über so viel Offenheit sogar das Handy aus der Hand gelegt hatte.
„Wie konnten Sie mich nur dazu zwingen“, fragte der Angestellte endlich mit Tränen in den Augen, „gegen meine Natur zu handeln, zu lügen, so zu tun als ob?“
Aber der Chef fasste sich rechtzeitig wieder und gab zurück:
„Herr Stiefelheim, es wundert mich sehr, zu erfahren, dass sie seit Jahren die kompliziertesten Mahn­schreiben formulieren und dabei mit dem einfachsten grammatikalischen Sachverhalt nicht ver­traut sind: Das Leid, das Sie auf Ihrer Arbeit betrifft, hatte nie etwas mit echtem Leid zu tun ge­habt, es war ja gar nicht groß geschrieben. Wovon Sie all die Jahre wahrheitsgemäß den Adressaten ge­schrieben hatten, das war das kleingeschriebene leid gewesen und das hat bisher noch keiner Fliege etwas zu Leide getan.“
„Aber was tut das kleine Leid dann?“, fragte Stiefelheim leise.
„Herr Stiefelheim“, sprach der Chef mit gespieltem Tadel, „darüber lassen Sie mal die Gelehrten urteilen – und die streiten sich noch! –“, dann parodierte er den Angestellten, „aber die Tatsache, dass Sie hier vor mir stehen, beweist doch wohl aufs Vollste, dass das kleine Leid – wie Sie es nennen – nicht eben viel zur Sache tut.“
So war mit einer einfachen grammatikalischen Erklärung die kleine Revolution Herrn Stiefel­heims im Keim erstickt worden.

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