Der Selbst-Liker

Es gibt eine gesunde Form der Selbstliebe, dieser plötzliche Nachlass des Drucks von innen und von außen, der mit sofortiger Selbstakzeptanz einhergeht und dem daraus entspringenden Drang das eigene Leben mit allen mitgegebenen Anlagen aufs Beste zu gestalten, sich selbst zu Willen zu sein, ein glücklicher Mensch zu werden. In Einklang mit dem, was man ist und was man tut und was man infolgedessen wird und ohne sich je wirklich Vorwürfe machen zu können, ständig nur einer der aus dem Leben lernt, nie einer, der sich selbst verhindert, indem er verdrängt, eine wahrhaft erleuchtete Existenz führt man da und manche gehen so weit und sagen, das würde sich auf die Mitmenschen auswirken. Ich will das Kind mal im Dorf lassen. Jedenfalls konstatiere auch ich den durchaus unabsprechbar potentiell positiven Charakter eines solchen Verständnisses des Wortes Selbstliebe und eines Lebens unter dessen Banner.
Aber was die Leute in ihrer selbstverliebten und selbstgefälligen Unreflektiertheit ihrer Umwelt zu verstehen geben, wenn sie – am besten noch als erste – die eigenen Beiträge liken, fällt mir schwer selbst anzukratzen, geschweige denn auszubuchstabieren. Daumen sind gefragt, das ist gar keine Frage und ich habe mich mit diesem Thema auf eine sehr ergiebige Weise dichterisch auseinandergesetzt im Daumenbaum. Der Ursprung der Daumengesellschaft ist im antiken Rom zu verorten und entschied dort sogar über Leben und Tod. (In unserer Zeit bleibt uns freilich nur die eine Option: Leben.) Aber den Gladiator möchte ich sehen, der den eigenen Daumen hob und glaubte, das würde an seinem Schicksal was ändern. Das war höchstens eine peinliche Erscheinung. Daumen sind ferner ein bewährtes Mittel der Konzentration oder des Essensersatzes bei Kleinkindern. Aber am eigenen Daumen zu lutschen ist dann doch keine Leistung. Die Bedeutung des eigenen Daumens ist also im Großen und Ganzen als gering bis blamierend einzuschätzen, sie zeugt von einem Mangel an Selbstvertrauen und von einer solchen Versessenheit auf Lob, dass man selbst vor persönlichkeitsspalterischen Prozessen nicht zurückschreckt.
Ich ziehe den Zeigefinger vor, diesen drohenden Hinweis, diesen unbestechlichen Sucher und Finder, diesen Freund der Wahrheit zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe. Der Daumen ist ausgelutscht, der eigene ist sowieso dubios und geschmacklos, wir müssen auf andere Pferde setzen. Carthago delenta est.