Der Wahnsinn

Der berühmte sechste Sinn, meine Damen und Herren, ist der Wahnsinn. Er zeichnet sich – was nicht genug Leute bedenken – dadurch aus, dass er wähnt, d.h. etwas vermutet, das nicht unmittel­bar da ist, etwas negativer ausgedrückt: rät und etwas positiver formuliert: aus seiner Um- und Mit­welt Schlüsse zieht. Dem Wahnsinn, meine Damen und Herren, haben wir Vieles zu verdanken, über Manches davon murren wir zwar, aber dann schließen wir achselzuckend, es sei historisch notwendig gewesen – was auch ein Produkt des Wahnsinns ist und Hegels Metier. Aber was haben wir dem Wahnsinn zu verdanken? Nun, allem voran die Weltreligionen und die Religiönchen, diese unserem Dasein Konturen verleihenden Korsetts des Denkens und Handelns, auf Wüstensand als Fundament gebaut, die damit verbundenen Kriege, auf dass die Wahrheit endlich siege, politische Systeme und sowieso Politiker. Selbst die Wissenschaft ist und kann im Kerne von ihm nicht frei sein. Ich meine natürlich nicht das, was sie praktisch erreicht (Technik, Gesundheit), sondern das, was sie dahinter – dazwischen – darüber – nennen Sie es, wie sie wollen – ansetzt und das Vertrauen, das sie darein setzt. Und selbst die Familie ist der Wahnsinn – schauen Sie in die Tierwelt und Sie werden mich verstehen oder schauen Sie ganz einfach auf eine Familie. Und die Medien, meine Damen und Herren, sind auch des Wahnsinns, und zwar in seiner wähnendsten Form, diese Aufstachelorgane und Lusterreger, denen jedes Modell recht ist, solange es Entrüstungspotential oder Bedürfniserzeugung verspricht. Unsere gesamte Welt, meine Damen und Herren, ist der Wahnsinn, aber nur wer so etwas konsequent behauptet, wird für verrückt erklärt.

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