Die bittende Statue

dir war er neu, du beugtest über die neuen
Augen die freundliche Welt und wehrtest der fremden.
(Rilke, 3. Duineser Elegie)“

Ende September in der Annenstraße. Die Frauenstatue da oben streckt ihre Hand aus. Bis auf ein paar Tauben mit ihrem Dreck und den Wolken mit ihrem Regen gibt ihr niemand etwas als Entgegnung der Geste. Manchmal bleibt für Augen­blicke vom Wind gegen diese Hand gedrückt ein Blatt dran haften. Kraft und Gegenkraft. Aber nie für lange. Es schleift vorbei oder nachgiebig knacken die verhärteten Blattadern und das Gerüst reißt an ihrer Hand ein.
Und die Mutter darunter nahm keine Notiz davon.
Sie war ganz vom Kind eingenommen, das sie fütterte. Und das Kind schaute kauend in die Ferne, misstrauisch die Augenbrauen gesenkt, vielleicht durch die Sonne dazu gezwungen, sie so zu senken. Eine Frage schien die Kau­muskulatur des Kinds zu durchziehen und um irgend etwas zu erklären, rief die Mutter: „Gitarre“ und deutete auf den Kerl, der sich, die Gitarre geschultert, eher durch die Menge stahl, als dass er sie von der schönen Seite her zeigte. Blödes Beispiel, dachte sich die junge Mutter, alles so unanschaulich, was man dem Kind auch vorzeigt. Statt aufmerksam zuzuhören, hatte das Kind nur flüchtig gelacht und dann ein trockenes Blatt aus dem umherfliegenden Laub gekrallt und es fing an, das stukturelle Rückgrat aus Blattadern genüsslich vor den eigenen Augen zu brechen. „Pfui“, sagte die Mutter, „da kann doch alles Mögliche dran sein und du nimmst’s in die Hand!“ Mit solchen Worten entriss sie das Blatt und zerstäubte es ohne jegliches Feingefühl mit dem schützend-wehrenden Griff.

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