Die Schnitte im Film

„Nichts beeinflusst unser Leben so wie der Film.“ (Zitat: Beliebige Person)
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Dr. Rönne hat eine Verzweiflungsattacke. Er fühlt sich einsam und isoliert, das passiert ihm manch­mal. Er verordnet sich flugs eine Portion durch die Straßen rennen dagegen – ein probates Mittel. Ein paar natürliche Formen stimmen ihn milde. Und wie von selbst läuft er konsequent in ein Kino hinein und erlebt dort den orgasmagorischen Höhepunkt seines Einsseins mit der Welt. Eigen­gesetzlichkeit des Geistes. Form.
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Fall Biberkopf. Frisch aus dem Gefängnis entlassen. Angst vor Freiheit, da Denken zu unbequem. Nachdem er von freundlichen Mitbürgern beruhigt worden ist und noch bevor er zu einer Prostitu­ierten geht: Kinobesuch mit geistloser Belusti­gung über die niedere Schicht (zu die gehörste ooch, Franze, über die du da lachst).
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Den einen ist der Film ein Segen, den anderen der wieder einmal letzte Schritt auf der unendlichen Treppe des Kulturverfalls. Beides ist Quatsch. Eins kann man sagen: Der Film kommt einem menschlichen Bedürfnis entgegen, dem Bedürfnis nach bedeutenden Ereig­nissen. Gepaart mit der Eigenart unserer Erinnerung, die alles rauskickt, was unbedeutend, also alltäglich ist, kommt er diesem Bedürfnis durch Straffung mit einer Ausschließlichkeit entgegen, die dem unreflektiertem Betrachter etwas vorspiegelt, was es nicht gibt: ein von vorne bis hinten spannendes Leben. So werden wir zu reizsüchtigen Spielbällen der Unterhaltungsindustrie, denn das Leben will wieder und wieder nicht spannend werden. Aber das Leben lässt sich nicht zusammenschneiden.
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Und dann gibt es da Photos. Photos von Menschen. Menschen auf Parties. Parties mit Lichtern. Lichter aus Farben. Freudige Menschen, mit feurigen Augen und freundlichem Lächeln, im Begriff, Spaß zu haben. Angesagt, abgemacht, für zehn Euro gehabt.
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Auf einer Ablichtung standen sie, wie die ersten Menschen, strahlend vor Freude. Die Fotografin, auf Hochglanz geschminkt und mit gutem Blick für das Schöne und sicherem Griff zum Festhalten, hatte die beiden gefunden, wie sie am Sand im Openairbereich bei der Fabrik saßen und sich lieb angrinsten.
„Darf ich?“, fragte sie.
„Was?“
„Euch schießen, ihr Süßen!“
„Für die Seite?“
„Na, doch nicht für die Omi.“
„Mach nur. Voll geil!“
Das Zähneknirschen hinter der Fassade fand keinen Eingang.
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Ihre Hand zittert. In der Ecke des Zimmers, in der sie eingeschlafen ist, ist sie aufgewacht. Zum Bett hatte sie sich nicht getraut. Irgend etwas war dort. Eher so etwas wie eine unangenehme Atmosphäre. Keine wirkliche Gefahr, das weiß sie. Sie weiß auch, dass das was mit dem Kopf zu tun hat. Dem Kopf, dieser Müllhalde extravaganter Erfahrungen, dieser Sammelstelle unverarbeiteter Datenmengen. Diesem Kopf. Dem Kopf, von dem das Bild von vor Jahren irgendwo im Netz hängt und grinsend lockt. Sie wollte es löschen lassen. Recht auf Vergessen immerhin, das hat sie. Die Bearbeitung dauert. Sie hat nicht die Kraft, sich da einzumischen.
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Dunkel.
(aus dem Off):
Die Tänzer von gestern – alle weg von der Tanzfläche. Ihre kümmerlichen Restexistenzen interessieren keinen. Was du siehst ist hochkarätiger Film, du siehst nicht die Schnitte darin und das Aussortierte findest du nicht. Das hat die ästhetische Prüfung nicht bestanden und verkriecht sich als Endpunkt eines misslungenen Lebens auf Harz-IV-Basis in seiner Wohnung. Gelegentliche Ausflüge zum Aldi stehn auf der Pinnwand. Was du siehst, sind keine Menschen, es ist die Vorlage, das Makeup des Photos, das ablenken soll. Ablenken von dir selbst.

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Ein alter Mann flüstert auf der Parkbank: „Jeder hat seine Last zu tragen – jeder schiebt seinen Film. Das Jenseits ist nur eine Produktionsfirma mit Ausrüstung und einem Ort zur Bearbeitung. Ich mach da nicht mit, ich füttre die Enten. Ich hab meinen Lebtag nichts erlebt, war aber auch nie sonderlich unglücklich gewesen. Wenn ich sterbe, wird ein anderer die Krumen in den Teich werfen. Ich werf mich aber deshalb noch lang nicht weg.
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„Der Moralist!“, schreit man, „Der hat das alles gezielt geschnitten. Hockt mit seinem verpickelten Gesicht inmitten von Kehricht, ernährt sich von Inhalten von Pizzaschachteln und posaunt uns Handlungsanweisungen heraus. War nie draußen, war nie dabei. Hat unrealistische Vorstellungen.“
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