Die Türkeifrage

Einerseits Werte, andrerseits Wirtschaft.

Nachdem die Flüchtlingsfrage uns so lange Zeit beschäftigt hatte, bis uns ein paar Zäune eine klare Antwort gegeben haben, kommt nun die Türkeifrage auf den Plan. Dabei verschwimmt der Anlass – ein Gedicht, das auf dem Niveau eines talentierten Viertklässlers verfasst ist – vor seiner Wirkung: Die Ernsthaftigkeit der Beschäftigung mit dem Gegenstand macht der seit jeher beklagten latenten Dummheit der Bevölkerung alle Ehre und die Dummheit stolziert fröhlich in allen gängigen Modeworten über den Catwalk der Medien.

Nicht, dass das, was die Dummheit zu sagen hätte, neu wäre: Dass Majestäten beleidigt sind und Klage wegen Majestätsbeleidigung erheben – heute als Beleidigung von Staatschefs bezeichnet –, ist eine alte Leier. Dass diese Majestäten zwischen sich als Person und ihrer Vertretung von Staatspflichten als Funktion zu unterscheiden nicht fähig sind, ist ein Urzustand, der bei dem notwendigen IQ, um Staatschef zu werden, nicht so bald aus der Welt geschafft werden dürfte. Und wenn Staatschefs gegen unsere Werte verstoßen, dann wissen wir, auf welcher Seite wir stehen werden. Wenn da nicht, ähm, andere Aspekte wären.

Einerseits, meine Damen und Herren, wären da die Werte – und hinter denen stehen wir, keine Frage. Andererseits wären da gewisse Nachteile materieller Natur, wenn wir – wie soll man es sagen – zu konsequent mit unseren Werten umgehen – und da wollen wir schließlich auch nicht außen vor bleiben. Politik lehrt, dass man immer ein Gleichgewicht herstellen müsse. Lernen wir von der Politik und stellen einen akzeptablen Schwebezustand zwischen unseren Werten und unserer Wirtschaft her!

Und warum sollten wir genau genommen unsere Werte verteidigen wollen vor dem Hintergrund eines nun wirklich miserablen Gedichts? Ja, wäre das in hohem Goethedeutsch verfasst, kantisch reflektiert und à la Lec beißend-geistreich gewesen, dann würde es Sinn machen, eine solche Äußerung zu verteidigen. Aber so grundschulhaft? Das lässt sich ja nicht einmal als das Produkt eines erwachsenen Menschen lesen, eher von einem, der uns zum Narren halten will.

Und doch machen wir uns mit unserer deutschen Gründlichkeit und ein ausländisches Oberhaupt mit seinem temperamentvollen Ego drüber her. Denn einerseits ist das doch Bullshit, andererseits ein gefundenes Fressen, um für potentiell Arbeitslose Geld zu verdienen in Artikeln und Talkshows.

Dabei hat jeder seine Richtlinien: Die Dummheit redet von Freiheit der Satire und freut sich in Wirklichkeit, dass der Türke öffentlich niedergemacht wurde. Sind doch eh alles Ziegenficker, denkt sie sich. Aber wehe, jemand schmäht ohne Angabe von stichhaltigen Gründen einen hiesigen Schrebergärtner!

Und das türkische Oberhaupt zeigt sich zwar ganz oben, aber sein Haupt schwebt dabei nicht eben in geistiger Höhe: Statt zu erkennen, dass das Gedicht keine Substanz hat (wenn man von einer Zeile absieht) und jeder reflektierte Mensch wissen müsste, dass es nichts mit ihm zu tun hat, fängt er an, dagegen zu vorzugehen und schürt auf diese Weise den Eindruck, das Gedicht hätte sehr wohl etwas mit ihm zu tun.

Indem das Gedicht mit primitivsten Stereotypen arbeitet, demonstriert es nichts anderes als das lyrische Ich eines Vollidioten (wenn man von einer Zeile absieht) und sicherlich sind solche Vollidioten an vorderster Front mit dabei, wenn es um die Verteidigung dieser Satire geht. Und indem der türkische Präsident dagegen vorgeht, zeigt er nicht nur, dass er das Konstrukt nicht verstanden hat – denn das Gedicht zeigt nur, dass im Gegensatz zu dieser Satire, gegen die er vorgehen darf, er gegen andere durchaus nicht vorgehen dürfe –, sondern dass er ganz genau dieser Präsident mit kleinem Schwanz ist, der einen großen zeigen will, indem er in die Meinungsfreiheit eingreift.

Und die eine Dummheit hätten wir verhindern können, indem wir nicht drauf reinfallen und das Gedicht verteidigen, wo es um etwas Tieferes geht, die andere Dummheit aber hätten wir schon längst beim Namen nennen können, wenn dem Einerseits der Werte nicht auch ein Andererseits der Wirtschaft in unserem Land erdrückend gegenüberstehen würde. Und eben darin haben wir auch mal wieder gezeigt, wie ernst es uns mit unseren Werten und unserer Freiheit eigentlich ist.

Das Gedicht ist keine wirkliche Satire, das gesamte Theater ist es sehr wohl und verleiht dem Gedicht als Auslöser diese Bezeichnung rückwirkend.

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