Differenzen

In Syrien fallen Bomben, hier fallen die Baguettes zu groß aus.

Organisierter Fußball stand bei mir schon immer unter dem Verdacht, eine Anstalt für Ermunterung zur Geistesdebilität zu sein – und zwar einer, die nicht Mutter Natur verschuldet ist, sondern einer, die mit einem Augenzwinkern aus Urzeit- und Höhlengründen für schick gehalten wird – der gute Ton des Tiers sozusagen. Diese Beobachtung habe ich an grölenden Fußballfans diverser Vereine bestätigen können, Anhängern, die sich mit ihrer Mannschaft vermöge hohen Bierkonsums, oftmals gepaart mit Übergewicht und unter Zuhilfenahme bunter Schals und Mützen identifizieren – eine erstaunliche Divergenz zwischen den athletischen Vorbildern und den müllhaldereifen Bewunderern, wenn man das einmal in Ruhe betrachtet.

Das ist aber nichts Neues für mich. Es ist auch nichts Neues für mich, dass diejenigen, die sich als Leser für die Ereignisse rund um Bälle interessieren – wenn sie sich vermöge der ihnen angewachsenen nicht gerade sinnlos fortpflanzen –, dass diese Leserschar nicht gerade wählerisch sein dürfte: Der Hang zu Tratsch und Intimsphärenspäherei haben seit jeher den durschnittlichen unfähigen Bürger geprägt und die natürliche biologische Entwicklung stellt, trotz rasanten technischen Fortschritts, keinen baldigen Wandel in diesem Bereich in Aussicht.

In diesen Zusammenhängen dürfte es eigentlich mein Nervensystem keineswegs erregen, dass diese Fußballer, deren Fans, kleine minderbemittelte Jounaillisten und deren schöpfkellenäugige Leserschaft in dieser, wie in jeder anderen Zeit auch, stumpfsinnig und unwandelbar ihren kleinen Vorlieben frönen, indem sie sich weiter um die weltbewegenden Ereignisse rund um das schwarz-weiße Rund drehen. Dass in dem Rahmen die Redaktionen nicht einmal von der kleinsten Unbedeutendheit zurückschrecken, sollte angesichts des jahrelangen Studiums der schwachgeistig-gierigen Natur von Redakteuren der Tratsch- und Sensationspresse keineswegs verwundern.

Aber es tut es und schuld daran ist die unerträgliche Simultaneität und Symlokalität inkommensurabler Ereignisse. Dazu gehört, dass dieselbe Plakatsäule für erotische Massagen und daneben für Vasektomie wirbt (wo? Frankfurter Alle), dazu gehört, dass in Syrien Bomben fallen und hier ein zu groß ausgefallenes Baguette für Erregung sorgt und dazu gehören die weltfremden und den Sachverhalt völlig verkennenden Worte, die einem mechanisch-ökonomischen Denken entspringen, von keiner Menschlichkeit zeugen und als ernst gemeinter Kommentar zur Aufnahme von Mitmenschen in Not dienen:

„Das tun wir aus Solidarität und Verantwortung, aber auch aus eig’nem Int’resse.“
(am 22.09.2015 im Wortlaut vernommen – und den suspendiert keiner. Hat wohl das Baguette gefehlt…)

Angesichts der Tatsache, dass ich ein in den Dummheiten meiner Mitbürger gebildeter Mensch bin, sollte es mich auch nicht verwundern, dass jemand so tief angefault sein kann, von irgendwelchen „Interessen“ zu reden, wo es um die Rettung menschlicher Existenzen geht, die durch die Hölle gegangen sind, die ein geregeltes Leben und ein gewohntes Umfeld verloren haben und sich gerade in der Fremde ohnehin verunsichert und deprimiert genug fühlen dürften. „Solidarität und Verantwortung“ ist ein guter Auftakt, aber die Fortsetzung verrät schon die schülerisch eingetrichterten und nie zu eigen gemachten Inhalte dieser zur hohlen Phrase gewordenen Werte. Auch bei Aussprüchen, wie dem eben zitierten, gilt:

Weniger ist manchmal mehr.
…und mehr ist manchmal nur eine Schande.

Alles zusammen genommen, sollten mir erotische Massagen, Bomben, Minister und Vasektomien (nicht nur von Minstern) am Podex vorbeigehen. Aber ich würde weder meiner Nervenerregung, noch meiner Tätigkeit bei hirn-und-weg gerecht werden, wenn ich solche Momente nicht mit aller Kraft durch den Dreck zöge, der sie sind.

One comment

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.