Ein orientalisches Märchen

Es kam einmal in eine große Stadt im Osten ein Herr, der war der Schrift kundig, konnte lesen und schreiben und deuten. Ein Schriftgelehrter. Besah er einen Stall bei Abraham und sah, dass er gut war, geräumig und gut abgedichtet. „Nimm deine dreißig Silberlinge Monatslohn“, sagte er. Vor dem Stall befestigte er aber ein Schild, auf dem stand geschrieben: Neue Schule der Schrift für die Juden.
Durch das Volk ging eine große Erregung und manche, die da misstraueten der Weisheit des Fremdlings, sagten: „Wir haben schon eine Schrift und Gelehrte dazu, was brauchen wir da deine Schule?“
Es strömten aber zu ihm viele von denen, die da wollten lernten.
„Mein Wille zu unterrichten ist groß“, sprach er vor ihnen, „allein mein Stall ist klein.“
Und so sahe er mit Bedacht darauf, dass er die Spreu vom Weizen scheide und schied die Menschen nach dem Licht ihres Antlitzes voneinander. Und die da waren hässlich und krank wies er ab und die da waren gesund und frohgemut nahm er auf und nannte sie seine Jünger.
Als sie des abends beisammen saßen im Kreise und brachen ihr Brot und tranken ihr Wasser dazu, sprach der Herr zu ihnen:
„Wir wollen ein neues Wort setzen in die Welt. Ich habe euch in die Schrift eingeführt, ihr aber zeigt mir nun, dass ihr mir auch gefolgt seid. Wahrlich, ich sage euch: Wer mehr beherrschet denn den Buchstaben, wer beherrschet den Geist, der wird mir mit diesem Geist eine neue Offenbarung schreiben von dieser Welt. Und wessen Wort das beste ist, der wird künftig sitzen an meiner Seite und muss sein Leben lang als Schreiber nicht zweifeln noch darben.“
Da fragte einer von ihnen: „Herr, was schreib ich?“
Der Herr aber antwortete: „Schreibe vom Menschen, von dessen Sohn und Tochter, schreibe von der Freiheit und Knechtschaft, schreibe von den Früchten des Felds und den Tieren des Walds und was sich sonst findet auf der großen Erde.“
Und sie schrieben. Und einer fragte den andern, worüber er schriebe und siehe: jeder schrieb über den Herrn. Denn bevor sie zu ihm gekommen waren, waren sie einfache Leute gewesen, die da tischlerten und Münzen prägten. Und sie hatten gekannt weder die Freiheit, noch die Knechtschaft und keine Kunde war ihnen gewesen von den Früchten, noch den Tieren der weiten Welt.
Ihnen waren die Dinge erst durch ihn geworden. So schrieben sie alle von ihm. Aber sie sahen, ein jeder unter ihnen, dass das Wort, so ein jeder schrieb, sich wenig von dem des Bruders unterschied.
Siehe, da kam der Geist über sie und jeder bemächtigte sich der Worte, so er vom Herrn gehört hatte, auf seines Geistes Weise.
Als sie sich wieder gesammelt hatten, da war einer unter ihnen gewesen, der hatte keine Schrift zu Füßen des Herrn gelegt.
„Wahrlich, ich sage euch, einer von euch hat keine Offenbarung geschrieben.“
„Ich kann es nicht“, sprach jener zum Herrn, „was soll ich mich mühen, wo ich es nicht kann, mein Herr. Du wissest, ich führe die Feder gut und wo mein Gehör horcht, dort folgt meine Hand ohne Fehl, allein eine Feder führen, ohne das Wort, so zu einem gesprochen wird, ein Wort schreiben, so es nicht gibt, das kann ich nicht.“
Da lachte der Herr, als da lacht ein Kind und sprach:
„Wahrlich, dieser hat euch verraten. Da ihr studirtet und fabulirtet, besann er sich dessen, was des Schreibers ist und er sahe, dass das Wort von oben kommt, der Schreiber aber das Wort verkündigen müsse.“
So verließen die beiden den Stall und gingen zu einem Präfekten, der da Verkehr pflegte mit dem Hohenpriester und eines verständigen Ohrs und einer gehorsamen Hand bedurfte. Die Schriften aber lagen ungelesen auf der lehmigen Erden.
Die anderen Jünger trauerten drei Tage über das Schicksal, so ihnen geworden war und gingen auf den Markt und verkaufeten dort ihre Schriften. Und es gelangten die Schriften in die Hände des Hohepriester, der da viel las und noch mehr sprach. Schrecken verfinsterte seine Seele, als sein Auge sah, was da geschrieben stand. Und es gelangten die Schriften an den Präfekten. Da sahe er, dass dort im Namen des Herrn viel Böses über sein Amt geschrieben stand. Und es fülleten sich seine Augen mit Wut, dass sie wie Kohlen aussahen, so glühend sind. Und es entlud sich seine Wut am Schreiber und dessen Helfer in lauten Worten, die da waren wie reißende Ströme. Und jagete der Präfekt die beiden zum Teufel und sie warden nie wieder gesehn.