Entwicklung und Verlust

Entwicklung und Verlust sind das Gleiche, nur in der Perspektive unterscheiden sie sich.

Das schrieb ich hin und so wollte ich es auch so stehen lassen, aber dann kam mir der Gedanke, dass man das womöglich nicht versteht. Womöglich, gefällt dann der Klang, der Stil, die Prägnanz, kann auch sein, dass man dann irgendeine Wucht hinter den Worten meint bewundern zu müssen, aber was wollen sie sagen?
Nun, sie meinen – in veralteten Worten – die Hymne und den Klagegesang, das Lob der Errungenschaft und den traurigen Rückblick auf alles Verlassene. Sie meinen das menschliche Streben und die in ihm ruhende Anlage zur Vereinsamung durch ständige Überholung und Abspaltung. Sie meinen Besserwerden und Am-Ende-allein-da-Stehen. Sie meinen das, worauf Übereinkünfte der Mittelmäßigkeit beruhen, das, woran sich die Bemühung aufhängt, von der Angst in die Enge getrieben, man könnte sich am Ende niemandem mehr mitteilen und niemand würde einen am Ende verstehen. Es ist die Bestätigung für die vage Vermutung depressiver Teenphantasien. Es ist aber auch die Aufforderung, sich nicht in einem Kokon gemachter Erfahrungen einzulullen, der Richtung, die einem das Innere diktiert, zu folgen. Befreiung, ist das Stichwort. Ablegen von Hülle um Hülle, wie ein absurdes Insekt auf dem Wege der Vervollkommnung. Metamorphosen. Jede Verwandlung trennt dich von denen, die sie nicht machen. Jede Verwandlung, macht dich um eine Vielzahl Gesprächspartner einsamer. Das ist der Verlust. Aber jede Verwandlung lässt dich vor dir selbst bestehen, jede Verwandlung lässt dich befreit vor dir selbst aufatmen, ist Konsequenz, macht, dass du dich vor dir selbst jeden Tag verantworten kannst. Das ist die Entwicklung.
Zwei Perspektiven auf ein und dasselbe sind es. Die frontale Perspektive, in der man hinter sich selbst die weite Entfernung zum Ausgangspunkt sieht. Das ist die Vereinsamung, das ist die Angst. Und die totale Perspektive, die die zurückgelegte Strecke misst. Aber jeder ist frei zu folgen und viele trifft man erst dort an, wohin man sich sein Leben lang aufmacht.
Bin ich verständlich?