Fatologie (ii)

Ein Freund hat mir Gestelztheit vorgeworfen: Worte wie Schicksal und erst recht Fatum gehörten einem anderen Zeitalter, einem anderen Denken an und sie zu verwenden, sei genauso wie mindestens 300 Jahre Geschichte, womöglich aber auch mehrere Jahrtausende zu ignorieren. Daran ändere auch die pseudowissenschaftliche Wortform Fatologie nichts. Das Wort Schicksal bezeichne eine abstrakte äußere Macht zwischen Gottheit und Naturgesetz, die den menschlichen Willen übersteige und der gegenüber der Mensch keine andere Haltung einnehmen könne, als die der Fügung. Das sei aber eine fortschritts- und zivilisationsfeindliche und auf nichts als der menschlichen Ohnmacht basierende Haltung, die man heute unmöglich vertreten könne.
Gut also, dass ich ihm gleich antworten konnte, dass ich sie auch gar nicht vertrete und dass es meinen anmaßenden Implikationen zu verdanken sei, dass ich hinter diesem Begriff dennoch glücklich stehen kann. Implikationen, die ich freilich gleich hätte erklären müssen, wie ich ebenfalls gestand.
Mein Begriff des Schicksals ist der eines aus Erfahrungen abgeleiteten Konstrukts des Menschen selbst, das er in der Zeit immer mehr verfeinert und an seine Mitwelt anpasst und in das er sich immer wieder fügt. Also fügt sich der Mensch keiner fremden Macht, sondern er fügt sich einem gedanklichen Zwischenstand seines eigenen Geistes. Das erscheint für mich relativ frei und ich kenne keine Alternative dazu.
Mein Begriff des Fatums ist der der Betrachtung eines solchen menschlichen Schicksals von außen, d.h. z.B. durch einen Autor, der Vermittlung eines solchen Schicksals in einem übergeordneten Medium, d.h. z.B. in einem Prosatext oder einem Gedicht.
Gut, dass wir das schon einmal geklärt hätten.
Aber was heißt dann, dass der Schriftsteller – ein vermessenes Wort, ich gestehe – Schicksal aufbaue und was heißt dann erst recht, dass er es dekonstruiere?
Nun, das ist die Doppelrolle des Schreibenden als Überwinder und als Erzeuger von geistigen und gesellschaftlichen Zuständen, als Rebell und als Autorität. Diese Rolle hat natürlich jeder vernünftige schreibende Mensch von sich zu weisen, als nicht mehr in seiner Verantwortung liegend und doch wird er so wahrgenommen und – vermutlich zurecht.
Texte, wie die Texte der Romantiker, die zur Welt eine Gegenwelt entwerfen, die dem geschäftigen Alltag eine verzauberte Innensicht eines einsamen Wanderers entgegenstellen, können an ihrem Ursprung in dem naiven Glauben entstanden sein – und ich glaube sogar, dass es genauso war –, dass diese Gegenfigur nicht nur eine Alternative zum bemängelten pragmatisch-anämischen Mitmenschen sei, sondern dass sie sogar eine Lösung darstelle. Wohin diese Lösung allerdings führt, haben die Texte der Romantiker auch zur Genüge gezeigt – manchmal war die Botschaft latent vorhanden, manchmal trat sie offen zutage: es geht in unerträgliche Seelenzustände einer vereinsamten Existenz hinein und von dort aus entweder in den Wahnsinn oder zu Gott – was mancher geneigt sein könnte, für dasselbe zu halten.
Am Beispiel der Romantiker wäre dann zu konstatieren: Die Texte entwerfen Schicksale, indem sie andere bemängeln, von Sinn befreien, dekonstruieren und ihnen Alternativen entgegenstellen. Und diese Schicksale wiederum werden wieder bemängelt und dekonstruiert und an ihnen entlang wieder neue abgegrenzte entworfen. (Oder auch nicht: Dann ist ein Text ein Problem, was die höchste Leistung eines Textes für mich darstellt.)
So stellt sich dem Typ des unnütz-schwelgenden Romantikers, der nicht nur sich selbst zugrunde richtet, sondern auch noch Andere mit seiner Phantasterei ansteckt, der praktisch veranlagte rebellierende Arbeiter entgegen, der den Fortschritt und die harte und unmittelbare Arbeit lobt und der in der gesellschaftlichen materialistischen Erfüllung menschlicher Bedürfnisse das Ziel der Entwicklung sieht und ästhetizistische Phänomene als Weltflucht, Faulheit und zuweilen auch als ein Instrument der Unterdrückung der oberen Klassen verwirft.
Aber wehe!, dem Typus des Arbeiters tritt gleich der Typ des Führers entgegen, ohne dessen Anleitung jeder Versuch der Masse scheitern muss, da diese sich nicht zu organisieren vermöge. Und dem barbarischen Führer, der zu oft seine Untertanen, die nicht „durchblicken“ missbraucht, schließt sich verdammt gerne der Typ des selbstlosen Gelehrten an.
etc. pp
Diese alle beobachtet, greift auf und überarbeitet zuweilen der sogenannte Schriftsteller.
Und darin – in dieser ständigen Bewegung zwischen Festigung und Auflösung von verschiedenen Formen, die ich als Fatum oder Schicksal bezeichnen will, die sich die Menschen von der Welt und den Erfahrungen in ihr her ableiten und in die sie sich fügen – eben darin liegt das für mich, was ich zum Ausdruck bringen will, wenn ich behaupte, der Schriftsteller halte „das Schicksal in der Schwebe“.
„Eigentlich ganz profan, oder?“, fragte ich meinen Freund.
Aber der antwortete mir leise: „Du kannst sagen, was du willst, aber für mich spielst du dich doch eher auf wie der Romantiker, der Führer oder der Gelehrte und darin bist du mir unsympathisch geworden.“
„Wenn du meinst“, sagte ich zu ihm.
Dann zögerte ich und fügte doch hinzu: „Und welcher von beiden bin ich nun, wenn ich unser Gespräch schreibe?“

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