Ikarus

Gemeinplätze

Ich hab einen Vogel, der pfeift so gerne auf alles
er pfeift auf die Dinge noch aus dem letzten Loch
mit fremden Federn brauch ich mich nicht mehr zu schmücken
der Vogel gehört mir und lässt mir Federn genug.

Unter seinen Fittichen steige ich über die Dächer
und blicke auf Dachschäden, die man von unten nicht sieht
die trennenden Flüsse seh ich, die Versuche von Brücken
und im Vorbeiflug greif ich, was er braucht, aus der Luft.

Was ’ne Stadt, pfeift mein Vogel, ein Dreck mit Kulturerbeanspruch
wo das Denken, Denkmal für Denkmal entschleunigt, erlahmt
stehen bleibt vor dem Niederschlag eines Wahns unsrer Ahnen
und als reiner Tourist einen Schein in den Glücksbrunnen schmeißt.

O sancta simplicitas!, heilige Bausparverträge
O tempora mores!, Dasein durchdekliniert
Tannenbaum Unser, jährlich erlösen uns deine Geschenke
in die Krippe gekippt und als Fraß zu ’ner Soapshow serviert!

Er hat doch ein Rad ab, rufen die Leute von unten
Narren, schrei ich, ich hab einen Vogel, am Boden seid ihr
und kommt nicht vom Fleck fort vor lauter gestelzter Korrektheit
wir durchbrechen die Wolkendecke, während ihr dort krepiert.

Unter ihm lag in Schemen durch Nebel nur noch erahnbar die Welt
als der Vogel, schelmisch grinsend, die Krallen vom Opfer gelöst hat
die Bedeutung des Wortes ‚Fallhöhe‘ hat ihn im Sturz stark gequält
die Geschichte erzählen sich unten die Leute noch heute
und das Rückgrat brach sich am Ende so ziemlich real unser Held.

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