Kranführer versucht sich als DJ!

Von der Musik angelockt, die er mit „Baustellengeräuschen“ verwechselt hatte, versuchte Sven K., Kranführer im Alter von 55 Jahren, eine große Halle, in der eine Technoparty bis in die frühen Morgenstunden stattgefunden hatte, abzureißen. Sein Verhalten erklärte er mit folgenden Worten: „Hätt‘ ich gewusst, dass da Menschen sind in der Halle, hätt‘ ich sie nich‘ abgerissen, aber wie soll man das wissen? Das klang wie bei uns aufm Bau an guten Tagen: Die Ramme hämmert ihre Stahlpfähle in’n Boden, der Bagger brummt, während er Schutt und Erde in den Kipper wirft und der Kipper piepst ganz melodisch, während er zurückfährt. Jeder in seinem Tempo. Das ist schon auch sehr musikalisch und rhythmisch bei uns.“
Auf die Frage, ob er nicht gemerkt hätte, dass es sich bei der Halle um ein an den Bau angrenzendes Gebäude gehandelt habe, antwortete er: „Das machen Büroheinis und Architekten so – nach der Hausnummer vorgehen und so Dinge. Ein Kran­führer funktioniert so nicht. Wir orientieren uns direkt an dem, was unten passiert.“
Zum Unglück war an jenem Morgen die Sicht durch Nebel getrübt, sodass Sven etwas „spekulieren“ musste, wie er es nannte.
Experten bemängeln allerdings auch die Selbstschutzmaßnahmen der Diskobesucher, die, wie Berechnungen ergeben, mindestens eine Viertelstunde Zeit gehabt hätten, unversehrt aus dem Gebäude zu kommen, das unter den Schlägen der Abrissbirne bedrohlich und unmissverständlich wankte.
„Ich bin nur nen Club Mate trinken nach draußen und plötz­lich stürzt hinter mir die Halle zusammen“, sagte ein Jura-Student mit Sonnenbrille, „Dann hatt‘ ich plötzlich verstan­den, dass der heftige Bass, der irgendwann losging, nicht Teil des Tracks gewesen war.“
Als „Teil des Tracks“ hatten es auch viele andere Disko­besucher verstanden, ein Theologiestudent behauptete sogar, es sei „der beste Part“ gewesen.
Nun – nicht für alle, denn aus den Trümmern sind etwa 70 Tote und 40 Verletzte geborgen worden. Die meisten der Verletzen waren dabei unmissverständlich auf Drogen gewesen: Kaum aus den Trümmern, versuchten sie Sanitäter und Feuer­wehrleute zu umarmen. Dadurch wurden diese in der Ausübung ihrer Arbeit stark behindert.
„Unzumutbar“, sagte ein Feuerwehrmann mit Nietzscheschnurrbart, „Zärtlichkeiten austauschen und Banalitäten anhören müssen. Himmelherrgottsakrament!“
Nicht alle teilen diese nüchterne Perspektive. Ein Geborge­ner erzählt von seinen Beobachtungen und Beurteilungen:
„Als ich gemerkt hab, dass ich unter so Schutt und so Balken liege, hab ich einfach nachgeschmissen und so. Ich muss sagen, das ist ne echt krasse Erfahrung so mit unter den Trümmern und alles, eine ganz eigene Perspektive…“
Auch der amtierende Bürgermeister „musste“ dazu etwas sagen, dass es sich nämlich um „ein Missverständnis auf beiden Seiten“ gehandelt haben müsse gehabt haben. Aber um solche Missverständnisse auszuschließen, wolle er dennoch Maßnahmen treffen. Zum einen sollen Bauarbeiter in Zukunft im Verlauf ihrer Ausbildung auch mit Techno konfrontiert werden. Zum andern wolle er auch zur Senkung der Verwechslungsgefahr eines Tracks mit einer Abrissbirne oder einem Bulldozer bei­tragen. Dazu soll das Baustellenverwechslungsvermeidungs­gesetz in die Welt gerufen werden, das das Verwenden bestimmter Frenquenzgruppen in elektronischer Musik aus Sicherheitsgründen verbietet. So wüssten die verwirrten Leute rechtzeitig, wann sie das Gebäude zu verlassen haben.
Einen Gewinner gibt es immerhin bei dieser Tragödie: Sven K. Im Verlauf des Strafverfahrens gegen ihn, das schließlich eingestellt worden ist, hat er seine Liebe für die elektro­nische Musik entdeckt.
„Wozu brauch ich ’n Kran, wenn ich das Geräusch auch so machen kann?“, fragt er, „Was soll ich da noch mit’m Kran?“
Und er meint es ernst: Sein erstes Release unter dem knackigen Titel „Constructionwork“ kann man sich unter „Crane Operator“ auf Soundcloud anhören.