Lest Irmgard Keun

„Da sind zwei Schichten in mir – und die obere, die diktiert – alltägliche Worte, alltägliche Handlung – kleines Mädchen, kleines Maschinenmädchen, kleines Uhrwerkmädchen – drunter die untere Schicht – immer ein Wollen, immer ein Suchen, immer Sehnsucht und Dunkel und NIchtwissen – kein Wissen um Wohin – kein Wissen um Woher. Ein Denken ohne Worte, ein Wissen hinter den Worten – ein Wachsein im Schlaf – hinter Lachen ein Weinen – – – die undurchschnittene Nabelschnur – Band an die dunkle Welt. Und die graue Welt und die helle Welt kennt man und weiß man – und die dunkle Welt wollte man nicht wahr haben und versucht, sie immer noch fortzulügen. Aber sie ist da – für jede – jeden. Und einer sagt Leid und einer sagt Schmerz und einer Verbrechen – Schmutz – oder Gott – kein Wort trifft zutiefst hinein. Was – bin – ich – denn – nur? Alles Böse und alles Gute – das ist ein Mensch – und Himmel und Hölle – das ist ein Mensch – das Traurigste und Lächerlichste – ein Mensch. Das Verschlossenste und Bereiteste – ein Mensch. Und Krieg und Frieden – das ist ein Mensch – und Mordbegier und Mariawunsch, zu gebären – ein Mensch. Fremdestes senkt sich in die hinein, läßt Eigenstes aufstehn – in dir, in dir – alles in dir – alles, alles, alles in dir. Und was dein Gedanke will, liebt dein Körper – und was dein Körper liebt, will dein Gedanke. Ist eine steile Flamme, das blasse Mädchen – hat Augen, die sprechen, Augen, die schreien – ist eine wie alle – weiß viel von sich, weiß nichts von sich. Brennt im Blut, brennt im Hirn – brennt, brennt, brennt. Ruhelose Glieder – Sehnsucht nach Fleisch – ruhelose Hände – Sehnsucht nach Fleisch – nach Fleisch, das lebt, Fleisch, das atmet, Fleisch, das denkt… Zweigespaltenes Ich – tausendgespaltenes Ich. Ich – heutiger Pflichtwunsch nach dem Wir. Ich – ewiger Schrei nach dem Du – und alles andre – nicht wahr… leg‘ die diamantene Lüge der Scham über deine dunkle Welt – leg‘ die goldene Lüge des Willens über deine dunkle Welt – leg‘ die silberne Lüge des Dichbescheidens über deine dunkle Welt – leg‘ die eiserne Lüge der Alltagsverbundenheit über deine dunkle Welt – leg‘ die grünspanene Kupferlüge der Feigheit – nicht – über deine dunkle Welt…“

Aus: Irmgard Keuns Gilgi – eine von uns

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