Mein neues Leben. Teil 2

„Lan! Schau mir in die Augen, Lan!“, schrie der Typ, dem gerade vom Wachpersonal aus dem Beamtenzimmer hinausgeholfen wurde, „Seh ich etwa aus wie ein Terrorist, oder was?“
„Kommen Sie ruhig rein“, richtete sich eine Stimme aus dem Inneren an mich.
„Was kann ich für Sie tun?“
„Es muss ein Missverständnis vorliegen“, begann ich, „ich habe ja erst vor zwei Monaten meinen neuen Pass abgeholt und jetzt heißt es, ich solle ihn wieder abholen.“
„Haben Sie Ihren Pass dabei?“, fragte der Herr.
Ich gab ihm den Pass.
„Und das Schreiben?“
Ich gab ihm das Schreiben.
„Dann schauen wir mal.“
„Ja, Herr R…“, begann er dann nach einer Weile, „sagen Sie, betreiben Sie die Seite hirn-und-weg.de?“
„Ja“, sagte ich, „das ist mein Blog. Hauptsächlich Satire. Auch wenn ich glaube, dass die meisten die Inhalte zu ernst nehmen.“
„Ja, Herr R… Satire – schön und gut, darüber kann ich kein Urteil fällen. Indessen haben wir starke Indizien auf terroristische Tätigkeiten bei Ihnen gefunden, wie die Anstiftung zu Anschlägen, Bombendrohungen per Mail und vieles mehr. Wir mussten Sie deswegen als gefährlich einstufen und da nicht ausgeschlossen werden kann… beruhigen Sie sich doch! – da nicht ausgeschlossen werden kann, dass Sie sich im Ausland terroristischen Organisationen anschließen würden, haben wir kurzerhand beschlossen Ihnen als Vorsichtsmaßnahme einen Ausweis auszustellen, der über dieses Risiko informiert.
„Ich habe nie“, schrie ich, „jemanden zu Gewalt angestiftet oder irgendwo einen Anschlag verüben wollen! Sind Sie eigentlich behindert?“
„Vorsicht!“, antwortete der Beamte, „schließlich wollen Sie keine Anzeige wegen Beleidigung. Und das Wort ‚behindert‘ dürfen Sie so auch nicht benutzen. Das ist höchst diskriminierend.“
Ich schluckte und schwieg.
„Haben Sie nicht das Gedicht ‚Nachdrückliche Meinung‚ verfasst?“, fragte er mich.
Ich nickte.
„Verstehen Sie, dass Sie sich dort wie ein Amokläufer darstellen und anderen dieses Verhalten nahelegen? Die Verantwortung für die Folgen tragen Sie ganz allein, junger Mann! Wenn jetzt einer losrennt und seine Mitschüler erschießt, nachdem er Ihre Seite besucht hat, werden Sie zur Rechenschaft gezogen, ist Ihnen das klar?“
„Aber das ist doch nur Sat…-“
„…-ire, ich weiß. Kümmert mich kein bisschen. Wo es um das Gesetz geht, gibt es keine Satire, da gibt es nur die Realität: Ursachen und Wirkungen. Und Sie sind in dem Fall die Ursache, mein Freund.“
Meine Innereien begannen sich nervös zu winden, aber ich brachte kein Wort mehr heraus.
„Und sagen Sie, haben Sie am 13.06.2014 eine Mail an Ihren Bekannten H.F. gesendet mit dem Betreff: Bombenanschlag, now! und dem Inhalt: Tach H., ich habe beschlossen für ein bisschen Chaos zu sorgen und hier ein paar blöde Stichworte zu platzieren: Anschlag, Terrorakt, Bombe, Fahrzeug, Sprengstoff, Bahnhof, Flughafen, Bank, noch eine Bank, Anschlag, Anschlag, Anschlag – scheiß NSA, hört auf meinen Kram zu lesen. Spaß beiseite, wie gehts?
Die hatten sich den Müll also wirklich angeschaut, dachte ich und nickte schon nicht mehr.
„Sicher waren Sie das“, sagte er zufrieden lächelnd.
„Wissen Sie, dass Ihre Art Humor – wenn sie denn Humor ist, wovon wir gesetzlich nicht ausgehen dürfen! -, dass Ihre Art Humor zu satten Haftstrafen führen kann?“
„Aber die freie Meinungsäußerung…“, flüsterte ich.
„Aber die Gefahr für die Gesellschaft…“, flüsterte er zurück und klatschte sich auf die Schenkel.
Er erzählte mir noch einige interessante Dinge über mich, die ich schon lange vergessen hatte und als ich dann mit wankenden Beinen das Zimmer verließ, hatte ich plötzlich gar keinen Hunger mehr. Und das, obwohl in meinem Mund noch das Anti-Kompost-Kaugummi vom Nachttisch steckte und ich noch keinen Bissen zu mir genommen hatte.

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