Mein neues Leben. Teil 3

…die Probleme von dergestalt möchte ich haben…, dachte er sich

Zwei Tage lang hatte ich mich in meiner Altbauwohnung verkrochen und im fliegenden Wechsel von chinesischen Suppen und fertigem Linseneintopf ernährt. Ebenso im Wechsel mähte ich staffelweise die unzumutbarsten Serien nieder und durchforstete U-Tube-Kanäle so gründlich, dass ich mich irgendwann dabei ertappte, eine als persönlich einzustufende Hochzeitsaufnahme von vor über sieben Jahren und mit mir absolut unbekannten Leuten anzugucken und mit heiserer Stimme gemeinsam mit der Menge das scheue Paar anfeuern, sich endlich zu küssen.
Ich musste also raus.
Ein Glück, war ich am folgenden Tag mit der Lizzy verabredet. Diskobesuch zwecks Endorphinentladung. Lange geplant. Sie fragte vorsorglich per Kurznachricht nach, weil ich einer von der Sorte bin, die dann plötzlich sagen: Nein, wegen Inspiration. Darüber regt die sich dann gewaltig auf und sagt dann immer: Nix – Inspiration. Faulheit!
Die Psychologen unter uns werden wissen, wie schwer Unterscheidungen in solchen Fällen zu treffen sind und dass das rationale Konstrukt Ursache-Wirkungs-Relation für die Beschreibung solcher Phänomene schlichtweg nicht genügt.
Die Psychologen unter uns werden mir beipflichten, dass in solchen Fällen ein streng holistisches Herangehen an den Sachverhalt, bei dem die Wechselwikungen von allem berücksichtigt werden, vorzuziehen ist.
Die Psychologen unter uns werden mit mir gemeinsam seufzen, dass die Ergebnisse solcher, allerdings korrekter Bestimmungen leider immer nur einen gewissen Grad von Verständlichkeit, weil Darstellbarkeit erreichen.
Und dann werden die Psychologen unter uns eine Praxis eröffnen und mich im Stich lassen, was ich ihnen nicht verübeln kann – ich würde nicht anders handeln.
Aber Lizzy ist weder Psychologe noch Psychologin. Sie ist Erziehungswissenschaftrice, wenn mich mein genderneutrales Deutsch nicht trügt.
Und als Erzieher hat sie dieses penetrante Gefühl, dass, wenn ich mal absage, irgendwo ein Fehler in mir ist und der muss dann behoben werden.
Aus allen diesen Gründen und meiner verzweifelten Lage, stimmte ich sofort mit drei Ausrufezeichen zu.
Es war 17:00, wir wollten uns um 22:00 bei der Schlichtallee treffen. Ich hatte noch Zeit, zu schlafen.
Ich legte mich hin, schlief meine knapp 29 Stunden mit kleinen Pinkelpausen und Panikattacken dazwischen und machte mich hastig auf den Weg, um rechtzeitig die Schlichtallee zu erreichen.

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