Mein neues Leben. Teil 4

Wo sich die Schlichtallee in der Hauptstraße auflöst, hinter der sich der Rummelsburger See mit seinem von Müll und Fäulnis überladenem Wasser erstreckt, an den Maschendrahtzaun gelehnt, der den See vor den Menschen oder die Menschen vor dem See schützen soll, stand Lizzy in ihren ausladenden offenen Kopfhörern, die sie wie ein putziges Insekt erscheinen lassen, die Augen und eine Hand vom Handy eingenommen und in der anderen die Zigarette, an der sie zog.
„Was hörst du?“, fragte ich sie.
genius next door„, antwortete sie.
„Ideale Vorbereitung für nen Diskobesuch.“
„Ich mach alles, wie ich lustig bin.“
Sie kramte aus ihrem Beutel eine Flasche Wasser hervor. Das erinnerte mich daran, dass ich seit sehr langer Zeit nichts getrunken hatte. Und da wir Freunde sind, nahm ich kommentarlos das Wasser und stürzte die Hälfte davon bedenkenlos runter.
„Nicht…-„, rief sie.
„Was denn?“
„Ach, nichts.“
Und sie trank den Rest aus.
„Du warst vorgestern gar nicht in Mamas Stolz„, sagte sie.
„Ich hatte zu tun.“
Mamas Stolz ist eine Lesebühne, auf der eine alteingesessene Gruppe von schreibenden Alkoholikern, seit über zehn Jahren dieselben Witze erzählt. Dort gibt es jeden Dienstag ein sogenanntes offenes Mikro, das dann auch tatsächlich jede Woche drei Minuten offen ist. In dieser Zeit kann ein Gast irgendwas Geschriebenes herunterhasten, wofür er mit einem Bier entlohnt wird und keinen Eintritt zahlen muss. Und ich mag Bier und bin käuflich und gehe darum so oft, wie nur möglich dort hin.
In ein Schweigen gehüllt, das immer dann auftrat, wenn wir uns nichts zu sagen hatten und das uns mit der Zeit zur Gewohnheit geworden war und uns nicht störte, weil wir der Ansicht waren, dass die Menschen generell zu viel reden, der Fehler also bei den anderen zu suchen sei – so erreichten wir Kassandra, die mit ihren farbigen Leuchtern die Baumkronen beschien. So heißt natürlich die Disko.
In der Schlange wurde mir mulmig zumute.
„Die projizieren aber heute sonderbare Muster in die Luft“, flüsterte ich verwirrt zu Lizzy.
„Fraktale etwa?“, kicherte sie.
„Kommt hin.“
„Da war LSD drin.“
„Was?“
„Im Wasser war LSD drin. Ich wollt’s dir noch sagen.“
An anderen Tagen hätte ich mich über den Clou gefreut, heute war mir die plötzlich angetretene Reise eher unangenehm.
„Oh nein…“, flüsterte ich.
„Was denn?“
„Ach, nichts.“
Wir kamen an die Reihe.
„Den Ausweis bitte“, rief der Türsteher, der sicherlich kein Einhorntattoo am Arm hatte.
Mit zitternden Händen kramte ich mein neues Papier hervor.
„Was ist denn das?“
Dann schrie mich der Kerl an:
„So ne wie dich brauchen wir noch! In unser Land kommen, nix arbeiten und dann den Leuten den Spaß verderben.“
„Aber ich…“
„Am Ende noch eine friedliche Veranstaltung sprengen, das haben wir gern!“
„Aber…“
Er schubste mich aus der Schlange, sodass ich hinfiel, warf mir meinen Ausweis hinterher und winkte schon die Nächsten heran. Lizzy, die bereits im Durchgang gestanden war, eilte erschrocken zu mir zurück und fragte was los sei.
„Ich wollt’s dir nicht sagen“, sagte ich, „da gab’s irgendein Missverständnis auf dem Amt.“
Und ich zeigte ihr meinen Terroristen-Ausweis.
„Junge“, rief sie und lachte hell, „du bist doch nicht etwa undankbar gegen unsere Demokratie?“
„Dumme Kuh…“
Auf dem Rückweg hänselte sie mich weiter:
„Sag schon, wem willst du dich anschließen? Saddam ist ja Schnee von gestern und auch Bin Laden ist weg vom Fenster.“
Ich sagte gar nichts. Wenn wir uns nichts zu sagen haben, schweigen wir. So halten wir das.
Unterwegs holten wir uns die absurde aber billige Marke Putinow, kletterten am Güterbahnhof über den Zaun und zündeten ein kleines Lagerfeuer an.
Dann ging ich in die Büsche, entschlossen, mich zu übergeben, in der Hoffnung, dass das den Verlauf noch ändern könnte. Es misslang mir übrigens, weil mich das Gras dabei zu stark ablenkte.
Als ich zurückkam, saß noch einer am Feuer. Lizzy schien nicht das Bedürfnis zu verspüren, uns einander vorzustellen und so setzte ich mich einfach schweigend daneben. Ich war gerade sowieso zu sehr mit allen möglichen und unmöglichen Reizen und Formen beschäftigt gewesen.
„Ist wohl nicht dein Tag?“, fragte mich der Typ.
„Nein.“
„Dich hat wohl jemand abgefertigt?“
Als ich nichts antwortete, fuhr er fort:
„Das kenn ich. Man kann da nichts für. Da ist das System dran schuld.“
Da stand der Typ plötzlich auf, fuhr mit den Armen wie ein Dirigent durch die Luft und sprach:
„Fick das System, weißt, wie ich meine?
Fick das gesamte verdammte System!
Nimm deinen Schwanz, ramm ihn zwischen die Beine
des Landes – schwupps, ist es schon fort, dein Problem.“
„Geht’s noch?“, fragte ich.
Lizzy blickte besorgt zu mir rüber.
„Mit wem sprichst du?“, fragte sie mich.
„Na, dieser Typ“, sagte ich, „mit seinem scheiß System.“
Der Typ fuhr unbekümmert fort:
„Was tut das System schon für dich, außer schauen,
ob du auch reinpasst und hats was gesehn,
dann drückt es dich tief in den Dreck und behauptet
das wäre zum Wohle des Volkes geschehn.“
Als im Hintergrund dann noch Geigen, ein Bass und ein Drumset ihn zu begleiten begannen, wurde mir unheimlich zumute. Da verschwand der Kerl auch schon.
„Du halluzinierst wohl“, murmelte Lizzy, „aber heftig. Komm gehn wir zu dir nach Hause.“
Nichts war mir willkommener.

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