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Mehr als Nachrichten

Wir wollen in Zukunft öfter auf Werbesprüche & Co. draufhauen. Das bringt die eingerosteten Räder da oben ein bisschen zum Laufen und hat den Vorteil, dass wir so nach und nach ein Bewusstsein davon erlangen, was ein Wort oder ein Satz transportieren kann, dass wir also ein Feingefühl für die Sprache und ihre Möglichkeiten, Denken abzubilden, entwickeln. Das vorab als Hintergrund zur sonderbaren Wandlung meiner Tätigkeit auf hirn-und-weg.

Heute nehmen wir uns folgenden Spruch vor:
news.de – mehr als Nachrichten
Ohne uns um die Qualität oder Degradebilität der Inhalte von news.de – das mich persönlich nicht interessiert – zu kümmern und also auch: ohne etwas über dieselben äußern zu wollen, analysieren wir schlechthin das Strickmuster des Satzes.

Über den ersten Teil, news.de, brauchen wir uns nicht weiter auszulassen. Es ist eine Mischung von Englisch und Deutsch und damit schick und zeitgemäß.

Beim Gedankenstrich wird es schon interessanter: Nicht nur, dass die Auslassung des Verbs den Eindruck von Prägnanz erweckt, indem sie einen Identifikationsvorgang zwischen news.de und der kurzen Wortgruppe initiiert, sie lässt auch der Phantasie freien (Spiel-)Raum, indem kein bestimmtes Verb angegeben ist, das sie verbindet, und das macht die Beziehung zwischen den beiden Gruppen grundsätzlich dynamisch. Dennoch gibt es natürlich einen eingeschränkten Gültigkeitsbereich. Es gehen solche Sätze z.B. nicht:
news.de bedeutet ganz bestimmt nicht mehr als Nachrichten.
Es handelt sich also um eine ausschließlich positive Beziehung, was aber nicht bedeutet, dass jedes positive Verb gültig ist:
news.de stemmt/kocht/singt/kokst etc. mehr als Nachrichten.
Der Bereich der denkbaren Verben wird also durch unser Weltwissen über Nachrichten definiert. Und dieses Wissen besagt, dass Nachrichten ein von jemandem bereitgestelltes Angebot für die Mitmenschen sind, mit dessen Hilfe sich diese über die Ereignisse auf der Welt informieren können.
Entsprechend könnte es lauten:
news.de sendet/bietet/produziert/veröffentlicht/vermittelt etc. mehr als Nachrichten.
Oder wenn man news.de als Inbegriff des Mehr-als-Nachrichten betrachtet, kann man auch einsetzen:
news.de bedeutet/das ist mehr als Nachrichten.

Aber spannend wird es erst bei der Gruppe „mehr als Nachrichten“ und das ist auch der Punkt, an dem mein Misstrauen geweckt worden ist.
Vielleicht ist es sinnvoll, sich vorab zu überlegen, was Nachrichten tun sollten: Idealerweise handelt es sich bei Nachrichten um eine Form der Berichterstattung, die bei konkreten Ereignissen ansetzt und diese möglichst objektiv, d.h. ohne Wertung – die meist ideologischen und wirtschaftlichen Ursprungs ist – vermitteln soll. Ob so etwas überhaupt möglich ist, soll hier nicht zur Debatte stehen. Die Ereignisse, über die berichtet wird, sollen natürlich nicht zufälliger Natur sein, wie z.B. ein kränkelnder Baum in Omis Garten, sondern sie sollen auf größerer Ebene relevant sein. Und ihre Relevanz erweist sich aus den Wirkungen und potentiellen Folgen socher Ereignisse auf uns Menschen. Naturkatastrophen können z.B. sensibilisieren für Gefahrzonen, aber auch anstacheln, innovativere Wege zur Vermeidung der schrecklichen Folgen zu finden, Berichte über Gewalttaten und Kriege können zur besseren Untersuchung von den psychologischen Hintergrundmechanismen führen, sowie dem Recht des Menschen auf ein Leben in körperlicher Unversehrheit den Rücken stärken usw. Im weitesten Sinne lässt sich sagen, dass jeder Bericht die Information so sachlich vermitteln sollte, dass wir uns daran möglichst gut orientieren könnten, was nichts anderes bedeutet als: unseren Umgang mit solchen Ereignissen ändern, die Folgen davon abmildern oder gar die Ursachen beseitigen und – alles in allem – zu einer Verbesserung der menschlichen Existenz beitragen.

Was aber ist das Mehr über die Nachrichten hinaus, an dem ein Nachrichtenverfolger interessiert sein könnte?
Oder, anders gesprochen: Wären Nachrichten nicht eigentlich genug oder gar das Beste, was uns bei einem Nachrichtenportal passieren könnte – wenn es denn einmal passiert?
Ich behaupte, dass es nur zwei Dinge sein können:
1. Unterhaltung: Nachrichten – schön und gut. Aber spannend ist das Ding nur bedingt, dann nämlich wenn es schön aufgebaut ist, eine Steigerung bis zu einer Kulmination erfährt oder eine Pointe zum Schluss aufweist. Es ist unterhaltend, wenn uns Ereignisse dramatisch aufpoliert präsentiert werden und uns das Ereignis so erzählt wird, dass wir erst am Ende den Schlussstein erhalten, von dem her alles noch einmal unter einem viel grelleren Licht erscheint. Uns geht einer ab, wenn der Märchenerzähler 2.0 zu uns spricht. Denn dass er so zum Märchenerzähler wird, durchschauen wir – trotz unserer Erwachsenheit – nicht.
2. Ideologische Schmeichelei bzw. Verfälschung: Sachlichkeit – wichtig und erwünscht. Aber eigentlich leben wir doch in einem bestimmten System und dieses hat seine Gesetze, Grundsätze und Ansprüche. Genau genommen leben wir auf dem Gipfel der Zivilisation, jener Region der Welt, die sich Europa nennt und die dafür bekannt ist, die Menschenrechte erfunden und in alle Welt getragen zu haben. Es ist also nur gerecht, wenn die Nachrichten von dem Blickwinkel her beleuchtet werden, da es keinen besseren Blickwinkel gibt als: Freiheit und Gerechtigkeit. Was auch stimmt – wenn der Rest stimmt. Aber hinter die besten Worte schleichen sich die hässlichsten Neubestimmungen und Absichten ein und so können wir – ohne es zu merken oder sagen zu können, wann genau es geschah, es begann – auf dem Wort Gerechtigkeit bequem in die Barbarei segeln und dabei – den Blick auf das Licht der Sonne gerichtet – immer dieselben Sätze anwenden, auf immer mehr Ereignisse, in einer zunehmend ungerechten Welt.

Ich bin kein Panikmacher und lege keine Schlüsse nahe, denn ich bin kein Verschwörungstheoretiker. Ich will einfach nur darüber aufklären, was Worte alles können und dafür appellieren, dass man sie bewusster wahrnimmt und wählt.
Außerdem macht es mir sehr viel Spaß die entdeckten potentiellen Dummheiten mit Wortknüppeln zu attackieren. Und solch ein Knüppel entfuhr meinem Kopf, als ich den behandelten Satz zum ersten Mal las und so bildete ich den Reim auf ihn:

news.de – mehr als Nachrichten!
Irreführung – mehr als Information!

Nicht, weil das gemeint sein dürfte, sondern weil man so folgern kann und darf. Und wenn man erst einmal anfängt zu folgern…

Von hirn-und-weg lässt sich übrigens mit Bestimmtheit sagen, dass es „mehr als Nachrichten“ sei. Das Andere ist, dass hirn-und-weg mit Nachrichten herzlich wenig zu tun hat – wenn man von manchem dankenswerten Anlass aus dem Sammelsurium von Dummheit und Machtsucht, das jedes politische Geschehn von Natur aus darstellen muss, absieht.

Ich füge noch scherzend hinzu:
Deine Mutter – mehr als eine Frau.

Und verabschiede mich von den wohlgesonnenen Besuchern für dieses Jahr.

hirn-und-weg – mehr als Unterhaltung!