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Das Original zum Film

Über Karl Kraus sagte jemand: „Sein Wort wächst mit der Nichtigkeit des Anlasses.“
Auch ich bekenne mich hiermit zu den Nichtigkeiten der Anlässe. Es ist zu schwer, nicht zu reagieren: Täglich werden wir von kleinen Anlässen aufgepeitscht, geringste Zornesströme rauschen über unsere Fasern dahin und verkünden die Botschaft den anderen Netzwerkteilnehmern. Zelle feuert auf Zelle, Reiz summiert sich mit Reiz, und während die Anlässe alle so klein erscheinen, schmelzen sie, über den Tag verteilt, zusammen zu Bergen der Entrüstung und verlangen nach einem inadäquaten Erdbeben der Wut.
Inadäquat? Nun ja, inadäquat will hier nur sagen, dass ein tätlicher Angriff auf ein Plakat auf einem öffentlichen Platz in unserer Gesellschaft – kausal betrachtet – am ehesten in die Kategorie Geisteskrankheit eingeordnet werden wird, weshalb wir zwar im Inneren ergrimmen, aber die Hände in den Taschen lassen, in denen wir hasserfüllt Rechnungen und Verpackungen von Bonbons zerknüllen, ein paar verächtliche Worte vielleicht noch: „Also – so etwas Blödes!“ – der Rest ist Schweigen. Und vermutlich ist das richtig, denn wo kämen wir hin, wenn jeder anfangen würde Plakate, Zeitschriften, Handies etc. zu vernichten, nur weil ihm die dahinter entdeckte Dummheit und Verrohung missfällt? Und wir dürfen nicht vergessen, dass das einleuchtendste Urteil sich im Nachhinein als Fehler erweisen kann. Selbst der Papst ist nicht unfehlbar. Um fehlbar zu sein, muss er nur von der Kanzel wegtreten. – Aber wir verzetteln uns mit irrelevanten Themen: Tatsache ist, dass eine kollektive Unfähigkeit, solche Triebenergien in sich zu unterdrücken, in eine Anarchie führen würde. Also schließen wir daraus, dass die Plakate uns zwar reizen, aber sie müssen sein, weil – wo käme man sonst hin?
Und der Ohnmacht, in die wir uns so versetzt sehen, geben wir Ausdruck, indem wir verschwörungstheoretisierend sagen, dass uns die Medien manipulieren, dass sie unsere Meinungen formen, dass wir kleine arme unmündige Opfer ohne eigenes Urteilsvermögen, Schafe mit bösem Hirt, kurzum die Hintergangenen sind, denen das Recht abgesprochen wird, sich zu wehren. Aber wird es uns wirklich abgesprochen? Oder sind wir einfach nur feige? Oder vielleicht schlicht und ergreifend zu faul bzw. mit einem zu schwachen Willen ausgestattet, etwas zu formulieren, zu Ende zu bringen und dann noch überzeugt einer Öffentlichkeit zu überlassen? Verschwörungstheorien sind nichts weiter, als die Faulheit, sich mit Dingen zu beschäftigen und wir sind überhaupt keine Opfer der Medien, da wir immer frei sind, alles, was da kommt, zu durchdenken und – anzufechten. Und so komme ich, über diesen langen Umweg, zu meinem eigentlichen Anlass, der zwar klein ist, aber einen von den Zehntausend Dornen in meinem Auge darstellt, den ich stellvertretend für alle seine anderen lästigen Brüder und Schwestern emporhalte und dann feierlich den Flammen übergebe.
Ich erklimme die Stufen am S-Bahnhof Friedrichstraße, die zu meinem Ärger mit einer Werbung von Candy Crush bedeckt sind – so weit wären wir also schon –, ich erklimme die Stufen, um eine S-Bahn zu besteigen, die mich zum Ostkreuz bringen soll – und nicht etwa, weil ich Rat suche und ihn in der aufgeklebten Candy-Crush-Werbung finde –, ich erklimme die Stufen – ich weiß gar nicht, wieso das solange dauern muss: gelaufen waren das ein paar Sekunden… – ich erklimme sie, ich habe sie erklommen, ich betrete die Halle. Angenehm drückt meine Tasche auf meine rechte Schulter. Die macht das nicht einfach so, sondern in ihr sind Bücher, die hab ich angelesen und für interessant befunden, deshalb drücken sie mir auf die Schulter. Und wiewohl ich weiß, dass meine Rückenkrümmung dadurch und durch das ständige Sitzen noch schneller an ihr höllisches Ziel gelangen wird, bereue ich nichts. Der Geist fordert seine Opfer. Da zieht eine Regionalbahn meinen Blick auf sich – die machen nämlich so ein lustiges Geräusch beim Anfahren, so als würden sie eine Notenskala spielen, vielleicht hat sie ein Musikliebhaber konzipiert. Aber die Regionalbahn, die weiter auf ihre Region zufährt und der ich auf ihrer Fahrt alles erdenkliche Glück wünsche, die ist es nicht, die mich plötzlich maßlos erregt, sondern vielmehr ein Werbeplakat: Der Hobbit – Das Original zum Film.
Jetzt ist es raus… Das ist der kleine Anlass. Ich muss gestehen: Das Buch zum Film hätte noch befriedigender im Sinne von Verachtung auf mein Nervenzentrum gewirkt, aber der Werbeling oder die Werberline hatte wohl zum Glück den Wikipedia-Artikel über Tolkien mit dem Datum der Verfilmung verglichen und einen zeitlichen Zusammenhang konstatiert. Zudem war ihm das Wort Original bekannt, was so viel bedeutet wie das Ursprüngliche (vgl. Englisch: origin = Herkunft; nicht zu verwechseln mit Oregano). Aber zu mehr hat sein neuronales Gefüge nicht gereicht. Wir wollen nun für ihn das Denken übernehmen und schauen, was es bedeutet, wenn etwas X zu etwas anderem ist.

Beispiel 1: Zum Schnitzel gibt es einen kleinen Salat und (versalzene) Pommes.
Hier handelt es sich um Beilagen, die dem Schnitzel nebengeordnet und hierarchisch untergeordnet werden – ohne Schnitzel keine Beilage.
Beispiel 2: Zu Ihrem Vertrag erhalten Sie ein noch nicht veraltetes Handy.
Hier handelt es sich um eine Beigabe, ein „Extra“, das zu der Hauptleistung hinzukommt als Nebenleistung – ohne Vertrag kein Handy.
Beispiel 3: Laden Sie sich nun das Addon Shadows of Light zu Heroes of Waste and Tragic herunter!
Hier handelt es sich um eine Ergänzung oder Beifügung, die in ein bestehendes Ganzes (meist kostenpflichtig) integriert wird – ohne Hauptprogramm keine Ergänzung.
Beispiel 4: Der passt voll zu mir!
Hier handelt es sich um eine egozentrische (aber psychologisch kaum vermeidbare) Wertung eines anderen Menschen in Relation zu den eigenen Charaktereigenschaften (und Wunschträumen) – ohne Ich verlieren die Werte meist ihre Bedeutung.

Ich denke, wie man heute sagt: I made my point.
Was der Werbeschreiber mit dem obigen Satz aufstellt, ist also in etwa Folgendes:
Es gibt zwar ein Buch, das dem Film zugrundeliegt, aber da wir alle nur den Film kennen, ist dieses Buch ihm von der Wertung untergeodnet, es ist gleichsam das, womit man sein Wissen über den Film vertiefen kann, so als richtiger Fan und so Insider und ist geil und so Sachen!
Was er eigentlich hätte schreiben müssen:
Der Hobbit – das Buch, auf dem der Film basiert, der uns allen nur deswegen bekannter ist, weil wir in einer audio-visuellen Kultur leben, in der wir die Information durch Sinnesreize in uns aufnehmen und nicht erst aus Zeichen unter Verwendung der Imagination uns erschließen müssen, welches auch nur eine Zeit unter Zeiten darstellt, weshalb es verfehlt wäre das Buch dem Film unterzuordnen, obgleich mir das auf der Zunge lag. Der geneigte Passant verzeihe die Länge dieser Werbung, aber wir legen Wert auf korrekte Formulierungen.
Ich habe aber die Vermutung, dass dann ein Effekt verloren ginge, auf den es dem Werbeling ankam: Die Übertragung des Glanzes des Films auf ein per se suspektes Buch.
Und in der Werbebranche, wie auch in Hollywood gilt der Grundsatz:

Wirkung geht vor Geist.

Und damit will ich schließen.
Ich verneige mich vor Ihnen, meine Damen und Herren, und danke Ihnen, Sie wissen gar nicht, wie sehr ich Ihnen danke und wie tief ich mich vor Ihnen verneige.
Und nun wünsche ich Ihnen ein frohes Fest, mit diesen runden, schönen Teilen, die so gut in der Hand liegen und diesen langen, festen Dingern, die über Nacht schrumpfen. (Ich rede natürlich von Christbaumkugeln und Kerzen.)


Hurra! Hurra! Die neue Version ist da!