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Wir so

Ein Beziehungsgedicht. In einfacher Sprache gehalten

Ich: Voll zufrieden.
Und sie so: Am Träumen.
Ich so: Die Kurven…
Und sie echt: Die Bäume.
Sie so: Die Dichter.
Und ich nur: So Leute.
Wir so: Ach, gestern!
Und wir so: Auch heute.

Sie so: Das Wetter!
Und ich so: Ein Auto!
Sie so: Wie herrlich!
Und ich einfach: Baukunst.
Ich so: Nur Spinner!
Und sie nur: So Leute…
Wir so: Ach, gestern!
Und wir so: Auch heute.

Ich: Perspektiven!
Und sie: Lauter Ketten…
Sie so: Geschichte!
Und ich: Nicht zu retten…
Sie so: Geschlechter.
Und ich halt: Das Leben.
Sie so: Gefangen…
Und ich so: Von wegen!

Sie so: Ich geh jetzt!
Und ich: Ach, vergib mir!
Sie so: Verletzung…
Und ich: Ich krepier hier!
Sie: …– ach, ihr Helden!
Und ich lach: Ihr Bräute!
Wir so: Ach, gestern!
Und wir so: Auch heute.

Die Freiheit

hat längst schon Falten auf der Haut
und Pickel im Gesicht
ist ständig übernächtigt
erscheint ganz blass im Licht

sie hatte ihre Tage
in Rausch und Poesie
doch ihre Wangen zeugen
heut nur von Anämie

sie stammelt was von Liebe
und schimpft auf das System
für Ämter ist sie einfach
bekannt als ein Problem

sie kann noch etwas singen
paar Dramen kennt sie auch
heut steht sie auf dem Schlauch und
bald hängt sie nur am Schlauch.

Zwischen Liebe und Auflehnung

Ulrike Edschmids „Das Verschwinden des Philip S.

Ist es ein Zeitdokument oder eine Liebesgeschichte? Ist es wirklich ein Roman oder sind es stilisierte Memoiren? Solche Fragen schossen mir immer wieder durch den Kopf, während ich Ulrike Edschmids Das Verschwinden des Philip S. las.

In dem Buch wird die Geschichte der Beziehung zwischen Ulrike Edschmid und Philip S. erzählt. Diese beginnt an der Berliner Filmakademie, an der Ulrike hofft, den Mann anzutreffen, der sie mit einem Kind allein gelassen hat. Stattdessen begegnet sie Philip S., der frisch eingeschriebener Student dieser Akademie ist. Dieser bietet ihr seine Hilfe beim Tragen an und teilt bald ohne viel Nachdenkens sein Leben mit ihr und ihrem Sohn.
Er stammt aus einer reichen Schweizer Familie, da er sich aber nicht den Vorstellungen des Vaters fügen will und die Künstlerlaufbahn anstrebt, wird der Kontakt zur Familie kalt, formal und bricht schließlich völlig ab. Philip S. beginnt sein Künstlerlaufbahn in der Schweiz, gelangt dann nach Berlin und ist in der Großstadt auf sich allein gestellt.
Während er anfangs eher als ein in sich gekehrter Ästhetizist für die Kunst lebt, dreht ein Ereignis sein Verhältnis zur Welt um: die Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg durch einen Polizeibeamten. Zwischen Kunst und Gesellschaftskritik entscheidet er sich für letztere und wird zu einem Mitglied der Bewegung 2. Juni. Er arbeitet an einer Zeitung für den Untergrund und hält sich zunächst – so Edschmids Bericht – aus direkt illegalen Tätigkeiten heraus. Als jedoch die beiden wegen der Verleihung ihres Autos, aus dem eine Bombe geworfen wird, wegen Verdachts in lange Untersuchungshaft kommen, ändert sich deren Verhältnis zum Staat: Ulrike entscheidet sich für die Familie – nicht nur aus einer Schwäche heraus, sondern auch, weil sie Zweifel hat am aggressiven Vorgehen gegen den Staat. Ihr Motto ist: Man muss bei sich selbst anfangen. Philip lehnt sich erst jetzt richtig auf, weil er die Ungerechtigkeit des Staates am eigenen Leib erfährt. Sein Motto ist: Wenn wir den Kindern von morgen eine gute Zukunft bieten wollen, dürfen wir unsere Versuche nicht aus egoistischen Rücksichten auf unser privates Glück zurückstellen.
Bis zum Gefängnis verlaufen beide Leben gleichförmig, danach entfremden sich die Beiden: Philip S. radikalisiert sich, Ulrike hat Angst um ihr Kind und geht den Anweisungen Philips nur ungerne nach. Es sind zwei Lebensentwürfe, die sich immer weiter voneinander entfernen und die die folgende Passage aus dem Buch auf den Punkt bringt:
„Ich spreche von dem, was mich die Kinder lehren, davon, dass sie mich lehren, mit Veränderungen in der kleinen inneren Ordnung meiner selbst zu beginnen. Er spricht von dem alltäglichen Widerstand in den Fabriken und Arbeitervierteln, dass er dort ansetzen will mit zielgerichteten Aktionen, die nur aus dem Untergrund zu leisten sind. Während ich mich daran halte, dass es oft der nicht kontrollierbare Zufall ist, der das Bewusstsein verändert, nicht das absichtsvolle Handeln, vertraut er auf die richtige Analyse, die im richtigen Augenblick die richtige Aktion hervorbringt. Wir tasten uns ab, aber wir berühren uns nicht.“ (S.140f.)
Die Bemühungen Philip S.‘ enden mit seinem Tod, seine Gefährtin lebt weiter.
Eine Eigenart des Buchs ist, dass es mit dem Tod Philip S.‘ beginnt und von diesem her alle Ereignisse immer wieder aufrollt. Dadurch gewinnt es eine anklagende Qualität. Ebenso wird hier aber weniger vom politischen Aktivisten erzählt, sondern vom fürsorglichen Menschen, der bereit ist, für eine Familie Sorge zu tragen wie auch immer mehr vom Wunsch besessen wird, für Menschlichkeit einzustehen, die er meint, durch Bekämpfung staatlicher Unterdrückungsmechanismen durchsetzen zu können. Dieser Hang zu Menschlichkeit nimmt den Leser für Philip S. ein und verleiht dem Text eine emotionale Komponente.

Obwohl das Buch ein geschichtliches Fundament hat und sehr einfühlsam geschrieben ist und obwohl es durchaus kunstvoll gebaut ist und auch auf Wortebene durch viele gelungene Aussagen überzeugt, ließ es mich ratlos und irgendwie unbefriedigt zurück. Ich hatte oft das Gefühl einen anklagenden und emotionalen Bericht über eine persönliche Beziehung zu lesen, der mir nicht an das heranreichte, was Literatur für mich ist, was für mich einen Berlin Alexanderplatz ausmacht, der auch eine starke politische Dimension hat. Auf der anderen Seite vermisste ich im Sinne des Berichts die Details und das fundierte Wissen, das einen solchen dem Leser als Zeitdokument wertvoll werden lassen. Das Buch blieb für mich ein Zwischending.
Man kann mich nun angreifen und ich habe es mir selbst immer wieder vorgeworfen: Muss Literatur überhaupt vielschichtig sein, sollte sie denn nicht etwas enthüllen, das von Belang ist und dadurch Veränderungen im Denken hervorrufen? Kann man also einem Text sein Persönliches und sein Berichtendes vorwerfen? Hat man überhaupt etwas von einem Text zu fordern?
Dass er eine solche Grundsatzfrage in mir ausgelöst hat, zähle ich zu den Qualitäten des Textes, denn in ihm geht es ja um nichts anderes: Die Frage, ob Kunst genügt, wo Repression deutlichere und weniger gekünstelte Aussagen verlangt. Philip S. beantwortet die Frage mit einer radikalen Wendung. Die Autorin beantwortet sie vielleicht, indem sie sich dem Wunsch des Lesers nach einem besonderen Stil des Geschriebenen nicht nachkommt. Das ist es aber auch, das den Text für mich auf weiten Strecken repetitiv und mühevoll zu lesen macht.
Was mir das eher negative Urteil schwer macht, ist der Umstand, dass es sich hier um ein wirkliches Ereignis handelt und um eine Ungerechtigkeit, mit der ich mich nicht einverstanden erklären kann. Aber ich halte es dennoch für wichtig, zwischen der moralischen Beurteilung eines Ereignisses und der Vielschichtigkeit und formalen Gestaltung eines Kunstwerks zu unterscheiden. Und so empfehle ich das Buch dem Leser, der seine Kenntnis jener Ereignisse nicht einfach vertiefen, sondern eine grundsätzlich andere Perspektive darauf gewinnen möchte – eine Perspektive, die nicht die öffentliche und gängige ist –, als literarisches Werk (Roman) kann ich diesen Text aber leider nicht empfehlen.

Zum 2013 im Suhrkamp-Verlag erschienen Buch geht’s hier.

Polyamorie, biologisch

Du sagst mir, die Gesellschaft trage Schuld an deiner Unlust
ich seh Bedürftigkeit und Kompromiss, um nicht von Schmerz
zu Schmerz ein fragmentiertes Dasein bar Erlösung
bedroht von Chaos ohne jeden Halt
dahinzuführen, wo die Flüsse münden.

Ich denke an die Bienenkönigin mit ihren tausend Drohnen
an die Spinne, die ihre Männlein auffrisst
gleich nach dem Akt – an einen Fisch
der in die Seite einwächst und auf der Stelle stirbt
sich langsam auflöst

denk auch an des Löwen

strengen Harem und an dessen ständige Gefährdung
und an den Kniff des Affen, der ein Kind zu sein scheint
um hilfsbedürftig in wie mütterlichen Armen
auch mal die Lust zu spüren – ohne Strafe
und an das Leid der Vielen in der Mitte.

Die spurlos durch den Druck der Wahl
hinsterben in dem aufgespannten Raum:
Ich habe Mitleid mit dem Omega
man sagt zwar, Gottheit sei der Anfang und das Ende
doch nur der erste Buchstab hat sich nicht zu fürchten.

Du sagst, ich wüsste nicht zu trennen
ich seh die Frau, die Möglichkeitsmaschine
und eisern eine Männerleiter neben ihr
und denke: lang versuchten wir die Menschheit
und orientieren uns nun wieder an dem Tier.

Zum Artikel über Monogamie und Polyamorie, der als Anregung gedient hat.

Zähne gefragt!

Nach einer wahren Begebenheit

Es geschah im Frühling des Jahres 2014, also vor ein paar Monaten, dass ich – damals ein paar Monate jünger als jetzt – auf meiner Suche nach Entdecktwerden, Gerühmtwordensein und Glänzen, also bei der Durchforstung diverser entweder regional gebundener oder anderweitig verhinderter, immer aber in irgend einem Sinne behinderter i.e. eingeschränkter und mir damals doch so wichtiger Lyrikwettbewerbe auf den anlässlich des 23-jährigen Bestehens seiner Zahnarzt-Praxis ausgeschriebenen Lyrikwettbewerb des Dr. Schuldtz-Frieden stieß. Nachdem ich darauf gestoßen war, war mir sofort klar gewesen, dass ich schon immer die gesellschaftliche Relevanz einer angemessenen lyrischen Behandlung nicht nur der Praxis von Zahnärzten, sondern auch und gerade der Zahnarztpraxis von Dr. Schuldtz-Frieden unbewusst gespürt und nur nicht zu deuten gewusst hatte. Die Seite des Herrn Schuldtz-Frieden hatte gereicht, um in meiner bisher so unstet im Diesseits umherschweifenden Seele einen radikalen Anamnese-Vorgang einzuläuten und so setzte ich mich und zögerte nicht einen Augenblick, meinen gesamten Abend (es blieben mir noch mindestens 20 Minuten bevor die letzten Vorschlafs-Vorkehrungen zu treffen waren) darauf zu verwenden, dieser anspruchsvollen Aufgabe zu genügen. Nach den über mehr als 20 Minuten höchster Inspirationskonzentration war mein Beitrag fertig, der aus einer freundlichen Kontaktaufnahme meinerseits, sowie einer feierlichen Übergabe der Rechte am Werke an die Praxis und dem eigentlichen Gedicht bestand und sich wie folgt ausnahm:

Lieber Dr. Schuldtz,

ich halte Zähne mit Geschmack für wichtig, aber mir sind nur Zähne mit Geschmack von Leuten mit Geschmack heilig. Der Seele mancher Menschen – besonders mancher Politiker – müssten der Entsprechung halber verfaulte Zähne angedeihen, die abschreckend wirken. Aber… – wir leben in einer Zeit, in der Technik und Wissenschaft die Kultur und die Moral längst überholt haben. Umso mehr muss ein Mensch mit strahlend-siegreichem Lächeln sich stets der Verantwortung bewusst bleiben, die instandgehaltene und unwahrscheinlich gesund scheinende Zähne mit sich bringen. Mögen bei korrupten und verlogenen Seelen die Zähne selbst die fürsorglichste Behandlung nicht überstehen, dass sie den Besitzern solche Schmerzen beim Reden verursachten, dass diese lieber schweigen. Amen!

Ich gratuliere Ihnen zum 20-jährigen Bestehen Ihrer Praxis und wünsche Ihnen die würdigsten Zahnerhaltungskandidaten mit den lautersten Absichten.

Mit strahlenden Grüßen,

Ihr Johann von und zu Schmelz

Einverständniserklärung

Hiermit erteile ich, Johann von und zu Schmelz, Dr. Detlef Schuldtz-Frieden die freie – wenn auch nicht alleinige – Verfügungsgewalt über mein in Sachen Zähne verfasstes Gedicht ‚Professionelle Reinigung. Eine Halb-Elegie-halb-Hymne‘ Er möge dies Gedicht zum Behufe der Entwicklung des Menschengeschlechts auf die Idee der Menschheit hin – weise nutzen.

Dieses Schreiben wurde maschinell erstellt und ist daher ohne Unterschrift gültig.

Professionelle Reinigung

Eine Halb-Elegie-halb-Hymne

Heut sind Zähne gefragt!

aber wie zeigt man Zähne

wenn im Mund alles faul ist

keine Aura – Gestank!

vor entzündetem Fleisch

jedes feurige Wort

schon beim Formen zurückschlägt

reinster höllischer Schmerz!

jedes strahlende Lächeln

unter schwarzen Belägen

längst vom Licht abgekapselt

nie das Auge erfreut?

Heut sind Zähne gefragt!

kein Stein, keine Lücke

gute Zähne mit Biss

und mit siegreichem Schmelz.

Wessen Zähne so weiß

wie der silberne Mondglanz

dessen Seele so rein

wie sie Bergluft nur ist.

Wessen Zähne gesund

dessen Auftritt halb fertig

dessen Publikum halb

schon gewogen und mild.

Geht und lasst einen Profi

euer Wesen veredeln

eine Hälfte ist euch

nach dem Eingriff gewiss.

Und dann geht aus der Praxis

zur eigenen Praxis

formt die andere Hälfte

und ihr lächelt zu Recht.