Tohuwabohu 1

Gedanken bei einem Umzug
Teil 1. Treppe runter mit Bücherkarton.

Geborenwerden, Geborensein, damit umgehen lernen, sich mit Essen versorgen und diesen Prozess immer wieder aufs Neue initiieren, sich fortpflanzen: was wiegt das? Aber es lagern sich Ereignisse daran, Kettenreaktionen setzen ein, die schwer übersetzbar sind in die banalen Grundfunktionen des Lebens. Und haben das meiste Gewicht. Weil sie aber auf unbekannte Strecken in unbekanntes Terrain hinauswachsen und sich ständig verzweigen, weil wir sie nicht alle verfolgen, weil sie uns zerstören können, übernehmen wir uns nicht. Und bleiben im Rahmen der Übersetzbarkeit: dein Lächeln in Cola und Burger, dein Gesang in Kohle und Sex. Das Leben ein langer Minimaltrack oder eine sehr realistische Erzählung. Aber es ist möglich abzuheben, immer weiter, bis eine Fehlermeldung kommt. Wenn wir dann nicht gerade am Ende sind, dann dreht sich das Verhältnis um: Das ganze Gefresse und Geficke hat das meiste Gewicht, aber daraus emergieren Buchstaben, die nur noch in Schicksal übersetzbar sind. Das ist wenn plötzlich die Dinge um uns herum so verzahnt werden, so unfehlbar aufeinander verweisen. Die gegenläufige Notwendigkeit. Kranke Scheiße vielleicht. Vielleicht auch der pure Wahnsinn.
Die Buchstaben selbst wiegen ja gar nicht so viel, aber es ist viel Papier drum rum, sodass sie gewichtig in die Arme daherkommen.
Im Film schießt sich einer die Kugel durch den Kopf. Auch ein Abzug. Aber ich mache ja nur Halbheiten, ich mache Umzug. Dass dieser fürs Erste nur bis zur Straße da unten geplant ist, tut nichts zur Sache.
Draußen. Die Leiter steht für Malerarbeiten an der graffitiüberwachsenen Fassade, Gregor auf ihr – entspricht der Leiter, färbt die Fassade. Ein Tropfen Gelb fällt auf meinen Schuh.
Sein Brustkorb hebt und senkt sich im Einklang mit der streichenden Hand. Auf und Ab. Er hatte mir von den Wänden erzählt. Dass der Altbau nachhaltiger sei, Zement ein Dreckszeug. Die Architekten hätten damals besser gerechnet und heute kommen ein paar Leute, ändern was am Bogen aus Extrawünschen von Extrawürstchen, die einziehn, stören das Gleichgewicht und dann bildet sich langsam ein Riss in der Mauer. Die Menschen wollen weniger Zeit verlieren und zahlen dann doppelt. Zement sei nicht wiederverwertbar.
„Hier gewinnst du alles zurück, dort verlierst du alles, wenn du’s abreißt.“
Seine Wandnostalgie hatte mich berührt.
Er nimmt seine Mütze ab. Seine Fingernägel kratzen die Kopfhaut mit Schuppen und Haar. Auf und Ab.
„Kommst du zu Recht?“
„Sicher“, sage ich. Irgendwo aus dem Magen heraus presse ich wie aus einer fast leeren Zahnpastatube ein Lächeln auf die Lippen. Und geh in die Wohnung zum Restkram zurück.
Schon verstanden: Ich bin das verrückte Leben, in das man eintaucht, wenn man mal komplett durchdrehen will. Eine exotische Pflanze, die man bestaunt, neben der man sich fotografieren lässt und dann weitergeht, wieder zurück auf den für Touristen ausgetretenen Weg, die morgen schon die nächsten Termine wahrnehmen müssen. Oder ein Hund, mit dem man herumtollt und wirklich für einen Augenblick alles Andere vergisst. Aber der Mensch fängt sich dann immer. Der Hund tollt weiter, man muss ihn mit Zwängen enttäuschen. Im Grunde eine aus sozialen Bindungsbedürfnissen in Grund und Boden verhurte und unterentwickelte Minimalexistenz. Zwar hatte ich meinen Spaß mit meiner sogenannten Sensibilität gehabt, sie sogar für einen Vorzug gehalten, aber dann musste ich feststellen, dass es alles nur Momente des großen Komplexes sind, wie scheiße es einem geht oder wie lebensuntauglich man ist, was zwei verschiedene Perspektiven auf dasselbe sind.
Und dann gehen Leute vorbei und die Bücher so: Schon gewusst? Und die Leute so: Nö. Popeln in der Nase, nehmen dann ein paar Schinken mit, damit denen nicht kalt ist. Dann schon in Regalen. Abstrakte Repräsentation mit gelegentlicher Abstaubung. Wie kommt man an den Staub im eigenen Kopf? Nu, das ist banal: Da sie gar nicht erst draufkommen, kommen sie auch nicht dran. Und ich kam drauf, aber kam nicht dazu. Es lässt sich immer ein Zwischenschritt einbauen, sodass es nicht gelingen hat können. Das hat seine Gründe von der Genetik her und ins Himmelreich hin, wenn man die Lehren der Menschheit in aller Kürze darstellen möchte.
Die Bücher auf der Straße, Gregor daneben mit seinem Gelb auf der Leiter. Soll der Fernseher oben nur laufen. Soll er weiter die Welt mit seinen Lauten und Farben bestäuben. Vielleicht polarisiert er ein entscheidendes Atom und das macht dann was Wichtiges und das entscheidet dann alles.
Wir haben doch alles, was will man da mehr. Hier, nimm, übernimm dich von mir aus, aber lass mich in Ruhe. Lass uns künftig nur dinglich verkehren.
Wenn die Menschen sich für einen ewigen Glückszustand entscheiden könnten, für den sie nichts weiter tun müssten – also Unsterblichkeit mit inbegriffen – wer würde da schon zögern? Da es unmöglich ist, tun alle natürlich so auf: ich liebe diese Welt. Aber sie lieben aus Alternativlosigkeit, lieben weil sie nichts anderes zum Lieben haben. Glück und Unsterblichkeit, von Handeln kein Funken die Rede. Der alte kriecherische Menschheitstraum. Bezeichnend tierisch zufrieden gestellt. Von Umgang miteinander kein Staubkorn Anschein. Ins Paradies geht man allein. Im Paradies geht’s um mich. So bewegen die sich auch mit ihren hinter geschlossenen Lidern geschlossenen Augen selbst-genügsam und um die Aufrechterhaltung ihres ziellosen Körpergenusses bemüht. Ein geschmackloser Balanceakt, aber erschreckend sättigend als Erlebnis. Ich tue ja auch nichts anderes. Ich reflektiere ja nur um diese lästige Reflexionspflicht abzutun und dann in den kollektiven Schlamm dazuzustoßen.
Der Gedanke an einer Brotschneidemaschine in einer halbwegs heruntergekommenen Bäckerei mit hinreichenden hygienischen Bedingungen zu stehen und das Leben lang Brot damit zu schneiden, überfällt mich in all seiner Verlockung. Brot schneiden, bis dass der Tod einen von der Maschine scheidet, für Kunden, die irgend etwas anderes Vergleichbares tun, mit der Tendenz zum selben Ausgang. Aber schon dreht sich mir der Magen um. Und angeblich erwachsen auf solchen Grundlagen die tiefsinnigsten Gespräche. Es fängt bei Brot an und führt über Komplexe aus Krümeln, Rinde, Watte und leeren Bläschen, von der Hefe hineingetrieben, zu allgemeinen Gedanken über das Sein. Angesichts der Brotschneidemaschine ist es verlockend auch die Existenz solcher Gedanken zu leugnen. Immerhin hatten die Juden in Ägypten keine Zeit für die leeren Bläschen. Vielleicht ist das Realismus, vielleicht aber auch nackte Angst ums Überleben. Ich habe noch kein Ding gesehen, an dem ein Schild befestigt wäre, das es erklärt. Und ein Adamdasein will ich auch nicht führen.
Man ist ja an sich zwecklos. Sich Zwecke geben, heißt sich selbst zusammenschrumpfen auf Nadeldicke und mit dieser Nadelspitze durch dringen durch Raum und Zeit. Das schlechte Gewissen, wenn man sich in Wikipedia oder auf Youtube verirrt – wie schlimm ist das erst im Leben? Es gibt nur Beischlafs-Beistand.
Meistens gibt jemand seinen Alltag wieder, weil er ihn einfach nicht aushält, also verdoppelt er ihn. Im besten Fall kotzen sich feinfühlige Menschen auf höchstkomplizierte Weise aus. Die Welt bleibt zum Kotzen. Und von Kotze, so differenziert sie auch hervorgebracht sein mag, lebt kein Mensch. Nein, es ist höchstens ein Abgleichen. Huch, meine Galle ist auch so. Und: ja, das ess ich auch gern.
Eisbären, sibirische Tigerbabys, in Zoos gezeugt, sogar Blumentöpfe und Stars mit vier verkrampften Akkorden und normiertem Beruhigungsgesang werden zu unseren Helden, irgendwelche sich mit Dichtern verwechselnde Billigrhetoren und Untergrundpolitiker, sowie sich mit Schriftstellern verwechselnde Economy-Class-Komödianten mit guter Aussicht auf den Beruf Clown mit unabgeschlossener Ausbildung und vollem Harz-IV-Einkommen. Alles, nur keine Menschen.
Da gibt es ja gar nichts zu verpassen in diesem Netz. Wieder wird irgendeiner irgend etwas Lächerliches getan haben, das ihn berühmt macht und alle Welt macht sich daran, die Kunde zu verbreiten, zu verteilen und zu verliken. Und dann lachen sie alle mit verkrampfter Gesichtsmuskulatur drüber, versuchen Steine hervorzupressen aus der Stirn, die schweren Steine der Depression, die sie zu ungeduldig sind zu erkennen, was sie andererseits davor schützt zu verzweifeln und deswegen für sie besser ist, da sie sonst ihre gesamte grundsätzliche existentielle Misslungenheit bei jedem gefährlichen Aufflackern hinaus­schleudern auf die Welt, Mitmenschen und Ereignisse damit besudeln und das Ergebnis Schuld, Problem oder Umstände nennen. Immer die gleichen Sequenzen, das Leben: ein Minimaltrack.
Ignatius von Loyola hätte den Araber, der die Reinheit der Gottesmutter angezweifelt hatte, getötet, denke ich mir, wenn sein Esel in die andere Richtung gelaufen wäre. Aber sein Esel wandelte den Pfad Gottes und so tötete Loyola den Araber nicht, weil das Eselsverhalten den göttlichen Willen verkündete. Und Engel waren früher viel mehr Menschen als heute, sagte Rilke gestern.
Angesichts der Unleistbarkeit unserer Existenz ist alles Weitere eh optional. Ab in den Hemdstoff mit den Augen, die haben im Gesicht nichts verloren. So seh ich das. Wie ich alles immer so sehr so seh. Ermüdend so. Dieser lüsterne Jesusblick aus dem Abgrund der Seele.
Der beste Freiheitsbeweis ist die bewusst beschlossene Lebensunfähigkeit eines Menschen, der gar nicht untergehen müsste und es doch nicht anders haben will. Der beste Beweis für Freiheit ist immer die Unerklärbarkeit eines Phänomens.
Ich kann mir übrigens durchaus eine Welt vorstellen, die nur aus zwei Elementen besteht: mir und einer Peitsche. Im Anfang steht und ihr Endziel ist: Selbstgeißelung, was sozusagen abstrakt ausgedrückt das ist, was ich ohnehin den ganzen Tag tue.
Aber dass die Menschen schreien, gibt Hoffnung. Denn ein Schrei bedeutet, dass jemand zu Hilfe kommen soll und hätte sich in der Evolution nicht durchgesetzt, wenn er komplett sinnlos gewesen wäre, nie jemand auf diesen Schrei hin zur Hilfe gekommen wäre.
Aber vielleicht fehlen uns am Ende die Gene für unsre Probleme.
„Sicher“, wiederhole ich, „und selbst?“
„Muss-muss“, sagt er.
Er hätte auch: „Tut-tut“ oder „Tatütata“ antworten können, denke ich mir.
Aber ich sage nur: „Blendend“ und gehe nach oben den Router abschalten.