Nachträumen 1

Ich stehe oben auf der Autobahnbrücke und starre auf den Asphalt, die Autos und die tief stehende Sonne, die das Geschehen in einen orange Ton taucht. Wenn man sich besonders anstrengt, kann man das Bild eines Autos, manchmal sogar des Fahrers festhalten und sich allerlei ausmalen. In solchen Augenblicken kann einem warm ums Herz werden. Ein ganz in schwarzes Leder gekleideter Motorradfahrer fährt vielleicht von einem Festival zum nächsten und genießt den Wind und die Freiheit der Landstraße, die Unendlichkeit atmet. Vielleicht fährt er auch von einem Meeting mit einer Band zurück zu seiner Bar, um alles für den kommenden Gig vorzubereiten. Gut möglich, dass er auch völlig ohne Ziel fährt und die Fahrt voll Sehnsucht genießt, einer Sehnsucht, die immer Neues sehen und nichts behalten will.
Irgendwo trifft er aber immer jemanden, den er schon kennengelernt hat. Wenn es eine Frau ist, so schaut er ihr tief in die Augen und sagt: „Es ist schön, dass wir verdammt noch mal dem treu sind, was wir lieben. Diese ganzen Spinner da draußen schieben sich nur gegenseitig Stress zu, aber wir sind frei.“ „Aber vielleicht“, sagt sie dann, „sehen sie uns und verstehen dann und werden anders.“
Er küsst sie dann und, frei wie sie sind, ziehen sie weiter und überlassen es dem Zufall, ob sie sich wiedersehen. Die freien Menschen muss man lieben, denkt sich der Motorradfahrer wieder auf seinem Rad auf der Autobahn, auf welchem Weg auch immer.
Wind, langes Haar, Leder, Landstraße. Der Motorradfahrer verblasst. Ich verfolge einen LKW und spüre auch hier die Unendlichkeit der Landstraße, die Raststätten auf dem Weg, bekannte und unbekannte Gesichter. Steak, Kaffee, Kuchen, Zigarette. Den LKW-Fahrer halte ich nicht so lange durch. Er hat keine so schönen Freundinnen, wie der Motorradfahrer, hat sich der Landstraße teils aus dem Grunde zugekehrt. Er sieht die Landstraße als seine Gefährtin, darum ist ihr Wind nicht etwas, dem er sich entgegenstellt, wie der auf dem Motorrad, sondern den er genießt, von dem er sich selbst gerne eine Weile tragen lassen würde.
Aber ich glaube fest daran, dass er zumindest eine Raststätte kennt, in der die Bedienung ihn abends mit besonders zärtlichen Worten anspricht und ihm ein Stück Kuchen aufs Haus gibt und später auch auf sein Zimmer kommt. Dann liegen sie da und er sagt: „Ich bin heute so viele Kilometer gefahren.“ und sie will natürlich wissen wie viel. Er sagt wie viel und sie umarmt ihn und hält ihn fest und sagt, dass er der pünktlichste und fleißigste Mensch sei, den sie kenne. Und er sagt: „Ich hab dich lieb.“ Und sie sagt: „Ich habe dich auch lieb.“ Aber die Landstraße steht wie ein Gott stets dazwischen. Sie schlägt ihm vor, das Fahren aufzugeben und mit ihr auf der Raststätte zu arbeiten. Allerdings wären gerade alle Plätze vergeben und man müsste mit dem Chef mal reden. Er kann aber die Landstraße nicht aufgeben. So gehen sie auseinander. Er fährt weg und er weiß, dass es noch mehr Besucher gibt, als ihn und sie weiß, dass es noch mehr Raststätten gibt, als die, in der sie arbeitet, aber beide glauben an etwas, was über die Zeit hinausgreift, an das Glück ihrer nächsten Begegnung, an ihr nächstes Glück. Ihr nächstes Glück… Auch der LKW-Fahrer hat sich aufgelöst.
So stehe ich oft stundenlang und bleibe doch der auf der Autobahnbrücke, der den Fahrzeugen nachschaut und selbst nicht von der Stelle kommt.