Trash Art

Ich hatte heute bei Apollo, einem Optikfachhandel, meine ersten Kontaktlinsen auf die Augen gedrückt bekommen und sollte eine Stunde probelaufen – ob alles klar ist, die Augen nicht anfangen zu tränen und auch nicht schamrot anlaufen. Und so lief ich – mir der großen Verantwortung bewusst, die auf mir lastete – und schaute abwechselnd Bäume, Gebäude und Leute an. Ich stellte schnell fest, dass ich tatsächlich binnen kürzester Zeit kontakfreudiger geworden war. Ich lächelte Passanten, Hunden und Parkscheinautomaten existenzaffirmierend zu und ich glaube schon, dass sie mich verstanden. Gerade hatte ich meinen Hut vor einem Anzugträger, der vom Bankautomaten daherkam, gelüftet, woraufhin er respektvoll die Straßenseite gewechselt hatte, da fiel mein kontaktwütiger Blick auf die Bordsteinkante. Oder was heißt Bordsteinkante – er fiel auf einen Teil der Fahrbahn und ein Stück des Gehwegs (Trottoir sagen die Franzosen) und auf einen Ausschnitt der Bordsteinkante. Also, er fiel auf einen nicht näher definierbaren Ausschnitt der Wirklichkeit, der mit Asphalt zu tun hat und ich sah folgendes:

Nein, es geht nicht darum, was da auf dem Boden liegt, lieber Leser. Es geht vielmehr darum, was für Erwartungen wieder an mich gestellt worden sind oder – wenn man so will – mir in den Weg gelegt wurden. Der treue Leser wird sich daran erinnern, dass schon einmal eine Wand mich aufgefordert hatte, die Polizei zu ficken, was ich dann nicht getan habe, weil ich nicht alles blind befolgen kann, was von mir verlangt wird. Wo käme ich dann hin? Und ich bin mir dessen bewusst, während ich diese Zeilen schreibe, dass das Individuum ein westlicher Begriff ist, der zudem noch gar nicht so lange besteht und dass es also in einem nicht-wertenden Sinne im Grunde egal wäre, wohin ich käme. Aber das ist dem Kollektiv egal, mir bin ich schon wichtig. Irgendwie. Und so stand ich mal wieder vor einer Forderung, die meine Umwelt an mich stellte, in Form von Müll, Schablone und Farbe. Ich sollte also das Ordnungsamt ficken. Irgendjemand verlangte es von mir in einer höchst imperativischen Form. Aber warum fickt er es nicht selbst? Warum muss er Passanten dazu bringen, das Ordnungsamt zu ficken? Ist er vielleicht selbst zu feige dazu? Oder ist er vielleicht gar impotent? Oder hatte er was mit dem Ordnungsamt und dann lief’s schief und seitdem ignoriert ihn das Ordnungsamt? Aber vielleicht, dachte ich mir plötzlich, fickt er ja das Ordnungsamt? Vielleicht ist das nur ein stummer Wink von jemandem, der die guten Dinge des Lebens gekostet hat, zu schätzen weiß und brüderlich weiterempfiehlt?
Meine Gedankenmaschine ratterte, aber ehe ich auf eine Lösung gekommen war – ich hatte ohnehin eher den Eindruck, dass ich mich von ihr durch Nachdenken nur immer weiter entfernte – war meine Kontaktlinsenprobelaufstunde abgelaufen und ich eilte zurück.
„Und? Wie war’s?“, fragte mich der Optiker mit dem Lächeln eines Connaisseurs (nach der Neuen Rechtschreibung: Konnässörs).
„Ich hätte nie gedacht, dass das so viel ausmacht“, murmelte ich ratlos.
„Soll ich Ihnen Ihre alte Brille dann in einen Etui einpacken?“, fragte er.
Plötzlich hatte ich eine Idee oder ein Gefühl oder eine Zwangsvorstellung und sammelte mich.
„Fick die Brille!“, antwortete ich vernehmlich.
Durch die Reaktion des Optikers fühlte ich mich augenblicklich im Glauben bestätigt, dass ich nicht alleine war.

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