Vom Aphorismus

Jesus, der schlechte Aphoristiker

Das ist natürlich provokant und vielleicht auch etwas anmaßend von mir, Weisheiten die sich durch zwei Jahrtausende an Tradition gewaschen haben, zu hinterfragen, allein, ich weiß, wie empfänglich die Menschen für Halbdurchdachtes sind, weil sie zu oft nur den Willen zum Halbverdauen aufbringen und ihr Halbverdautes dann leichtfertig (und meist noch unnötig autoritär) zum Weiterverdauen der nächsten Generation anvertrauen.
Zu welchen Folgeerscheinungen solche tradierten Verdauungsprobleme führen können, lässt sich geschichtlich so vielfältig belegen, dass ich, wie Buridans Esel, mich für kein Beispiel entscheiden kann und also in der Beispiellosigkeit verharre. Ich vertraue meinem Leser und dem ich nicht vertraue, der ist nicht mein Leser und liest das hier sowieso nicht.
Wieso also war Jesus nun ein schlechter Aphoristiker?
Dazu müsste man vielleicht klären, was ein Aphorismus leistet bzw. wie er sich von z.B. einer philosophischen Maxime unterscheidet. Den Aphorismus unterscheidet von einer auf begriffliche Schärfe zielenden Maxime die Anwesenheit von Witz. Witz ist das Vermögen Ähnlichkeitsbeziehungen herzustellen, die zu einem logischen Schlussmechanismus verstärkend hinzukommen oder an seine Stelle treten und damit den logischen Aufbau des in einem Aphorismus hervortretenden Gedankens verdecken und eine Verwunderung beim Leser erzeugen, der eine vom Text ausgehende Wirkung spürt, ohne sich genau erklären zu können, worauf diese beruht: Man wird von einer kleinen Wortgruppe überfallen oder gekitzelt oder vergewaltigt.
Ich will das an meinem kleinen Aphorismus Insider demonstrieren:
Das Wort Insider wird gebraucht für jemanden, der mehr weiß, als der gewöhnliche Mitmensch, der Otto Normalverbraucher, der dritte Stand etc. Ein Insider ist damit ein Eingeweihter, jemand, der über ein Mehrwissen verfügt, das nicht jedem zur Verfügung steht, er ist in etwas involviert, also Teil einer Geheimgemeinschaft, einer kleinen Gruppe, die sich abgesondert hat und deren Mitglieder das Wissen nur untereinander teilen. Und er empfindet sich durch diese seine Einweisung in die Mysterien als eine überlegene Existenz.
Ich bediene mich nicht zufällig religiöser (und psychopathologischer) Semantik, um den Insider zu definieren, denn die Bildung gottesnaher Kreise etc. beruht genau auf demselben Mechanismus, auf dem auch das profane Insidertum beruht und das sich folgendermaßen herausbildet:
1. Man beobachtet, dass die meisten Menschen nicht imstande sind, bestimmte Sachverhalte zu begreifen und dass man auf mehr Ablehnung als Dank stößt, wenn man versucht, ihnen den Gefallen einer Aufklärung zu tun.
2. Man bewertet die Mehrheit der Menschen als intellektuell grob gestrickt und moralisch unter aller Sau und distanziert sich von dieser.
3. Man arbeitet noch intensiver an seinem Mehrwissen und versucht daraus ein geschlossenes System zu bilden, das eine solche Absonderung vom Rest der Menschheit nicht nur erklärt, sondern geradezu heiligt.
4. Man ist nun Teil einer kleinen Sekte, die sich überlegen gibt und beim gewöhnlichen Menschen leicht die Vorstellung einer geheimen Verschwörung erweckt.
So weit, so gut und sicher auch in einigen Fällen begründet, dachte ich mir. Aber ich sah so viel Insidergetue, das – einmal für mich Außenstehenden erklärt – sich als eine gemeinsam ausgehandelte Dummheit herausstellte, sodass sich in mir nach und nach ein Groll auf dieses Getue herausbildete.
Ein Insider zu werden, ist generell leicht: Man braucht dazu nur zu wissen, dass jedes Ding eine Innenseite hat und dass man sich also in jedem Gegenstand von den anderen absondern kann. Aber ob damit irgendeine Leistung verbunden ist, bleibt von Fall zu Fall zu entscheiden.
Angenommen Obama hätte seit Jahren Harninkontinenz und trüge zu diesem Zweck ein Kondomurinal mit sich herum und davon wüssten nur seine Frau, eine Sekretärin und ein paar Kollegen vom Herrenklo. Jetzt müssten die sich nur noch unter dem Banner dieses Wissens vereinigen. Sie wüssten mehr als Andere, sie könnten einander sehr geheimnisvolle und wissende Blicke während der Reden Obamas zuwerfen, während der normale Amerikaner an der leichten Zuckung der Mundwinkel nicht erkennen würde, dass nun das Urin wieder aus Obamas Blase in den Plastikbehälter läuft. Es wäre aber peinlich, aus solchem Mehrwissen so etwas wie eine existentielle Befriedigung oder gar Erfüllung abzuleiten. Und so in vielen weniger klaren Fällen.
Geheimnisgetue mit dem Anspruch auf Überlegenheit wurde mir also suspekt und nun fehlte nur noch ein anschauliches Beispiel, um es auf die Spitze zu treiben. Dieses Beispiel fand ich im Fötus.
Der Fötus ist ein Insider, er steckt im Mutterleib drin, er hat noch keine Wahrnehmung von der Außenwelt gehabt, geschweige denn einen Gedanken gebildet, er ist kein Individuum, er ist noch eher Teil der Mutter, gänzlich versorgt, gebildet und abhängig. Das Wort Insider ist hier also wörtlich und bildlich gebraucht, und mit der Frage nach seiner eigenen Leistung wird die Vorstellung der Überlegenheit, die man mit dem Insidersein verbindet, angegriffen. Ich hätte auch schreiben können: Es reicht nicht einfach nur Insider zu sein, man muss auch Insider in der richtigen Sache sein. Aber durch das Fötusdasein habe ich gleichsam die „falsche“ Sache gezeigt, den Fall, in dem man sich nicht darauf berufen darf. Und von dort kann der verwunderte Leser weiterdenken.
Wieso aber war Jesus nun ein schlechter Aphoristiker?
Wir nehmen dazu folgenden Ausspruch:
„Was siehest du aber den Splitter in deines Bruders Auge und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?“ (Matthäus 7:3)
An dem Gleichnis lässt sich zwar ablesen, was gemeint ist: Man sieht und verurteilt die kleinsten Mängel an seinem Mitmenschen und überblickt die eigenen Mängel als Mensch nur zu gerne. Man misst mit zweierlei Maß. Man ist kein gerechter Richter.
Aber das Gleichnis ist auch so dumm konstruiert, dass man darauf gewitzt antworten könnte: Wie sollte es anders sein, lieber Jesus?
Den Splitter im Auge des Bruders sieht man, weil er im Auge des Gegenübers steckt, den Balken im eigenen Auge sieht man aber nicht nur, weil er im eigenen Auge steckt, sondern sehr wahrscheinlich auch deswegen, weil ein Balken im Auge mindestens die vollständige Zerstörung des Auges zur Folge hat, wenn nicht gar den Tod des Sehenden – wie soll man da bitte auch den Balken noch sehen? Diese Weisheit schadet sich also auf formaler Ebene selbst, indem sie sich ins Lächerliche zieht, wenn man die Bildlichkeit – die bei Sentenzen immer unterstützend gemeint sein sollte – ernst nimmt. Aber bei Christen besteht zum Glück diese Gefahr des Ernstnehmens (= kurz mal selbst denken) nicht. Und wenn doch, dann wird die Angelegenheit so oft umgebogen, bis sie – völlig entstellt – wieder dem common sense verdaulich erscheint. Wir sind aus dem Alter der bemühten Vergleiche heraus, wir müssen zusehen, dass unsere Vergleiche semantisch oder bildlich sauber ineinandergreifen, denn alles andere füttert nur die ohnehin blendend ausgeprägte Stumpfsinnigkeit.

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