Wand, unfertig

Ein Essay

Meist ist es bei Gegenständen des öffentlichen Interesses entscheidend, dass jemand kommt und sie bespricht, sie also entsprechend sprechend ausbuchstabiert und folglich verbal durchgekaut dem empfänglichen, unverhüteten Leser seviert. Weniger von Bedeutung hingegen ist zumeist, was ihn nun eigentlich dazu motiviert, d.h.:

Als vernetzter Bürger des 3. Jahrtausends durfte ich Zeuge diverser, ja diversifikatorischer Eröff­nungserscheinungen dieser Art werden. Ein umgestürzter Blumenkübel – im Zeitalter seiner digitalen Reproduzierbarkeit – erreichte auch ohne ihm künstlerisch angedichtete Geschichten – wie sein Ahne, der zerbrochene Krug einst gemusst – die Massen, der tiefe Symbolgehalt also überwog, -wiegte, -wogte und -wagte den vernachlässigbaren eher illustrativen Explikationsgestus von gestern, in dem man ursprünglich und urtümlich irrtümlich das Interessante zu sehen verleitet, geschichtlich dann irregeleitet und schließlich kognitiv in die Irre geführt worden war, bis eine eigens für dieses Problem angefertigte App einem den Weg aus der Finsternis wies. Ich sah Polarbären aufblühn und verwelken, zum Kuschelidol einer bärenstark verschuldeten Landes­haupt­stadt aufrücken und auf dem Höhepunkt ihrer Photogenität und -genialität plötzlich in eine Depres­sion geraten, im Gehege durchdrehn und aus Gründen, über die sich noch die Gelehrten kommender Jahrtausende streiten werden, elendlich im Wasser ersaufen. Kinder – noch kaum den Windeln ent­wachsen – sah ich zu eingängigen Akkorden, von denen ich dachte, dass die längst nicht mehr rein­gingen, transgender-stylish ihr Erdkundewissen melodisch vortragen. Und regelrecht regelmäßig kamen mit maßlosem Spott die Propheten, das Unkraut ihrer Zeit auszujäten und den wahren Hip­hop zu singen. Das Bratwurstmuseum tief im Thüringer Becken nicht zu vergessen!

Meist ist es bei Gegenständen des öffentlichen Interesses also entscheidend, dass jemand kommt und sie bespricht. Wir sind elitär-egalitär und uns ist also gleichgültig, wer kommt und was er raus­haut, solang er was drauf hat und folglich was draus macht, uns alles gründlich beleuchtet und uns – als wäre Denken ein Unding von gestern – nur noch bleibt, was man einleuchten heißt.
Und ich hab was zu sagen:

DSC_0046

Es handelt sich hierbei um meine nicht gänzlich zu Ende mit Graffiti behandelte Hauswand, um die abrupt über Nacht abgebrochene ehrenamtliche Arbeit am großflächig geplanten Fassadenzierrat, eine merkwürdige Pause in der totalen Hauswandsgestaltung. Nicht fertig steht drauf.
Anfangs dachte ich mir das herzlich einfach und recht profan. Wörtlich zu lesen, ohne Hintersinn zu verstehen wollte da jemand seine Arbeit an der Stelle fortsetzen, an der er sie zu unterbrechen genötigt gewesen oder worden war. Kein Grund zu Spekulationen und kein Anlass zur Panik. Außer er wäre tags darauf abgekratzt, dann stünde sein Hinweis (monokausal betrachtet) auf der Wand für immer und ewig. Es wäre ein Sinnbild des großen Versagens im Kleinen, das Unabgeschlossene, das Fragment und irgendwann käme dann Einer und erzählte altmodisch-romantisch die Geschichte eines jener Alten Meister, der mitten im Streben sterbend sein Leben ließ, an der eigenen Größe gescheitert.

Und als ich mit einem Freund angetrunken dran früh morgens vorbeilief, sagte ich unverschämt: „Das ist wie eine Mauer von Babel mit der einen entscheidenden Klage, die sie zur Klagemauer gemacht hat.“
Und der so: „Du Depp! Das ist Müll und nichts weiter.“
Und wie ich so draufschau, merke ich: Da ist ja nichts weiter als das Ekelhafte dieser Stadt ab­gemalt, mit lässig gemeinten beißenden Statements gepaart, ins Gesicht gespien, unverdaut vor dem Beschauer ausgekotzt, kritiklos, distanzlos und hilflos. Und buchstäblich muss der verzweifelte Panscher in der Verteilung seines Geistesunrats innehalten. Und ich stand da, ein Opfer von Zumüllungsphantasien geltsüchtigen und unglücklichen Kleinviehs, das überall hinmacht und nichts damit vollkriegt und aus dem nur das rauskommt, was sein Umfeld ihm eingibt. Und ich dachte mir: Gut, dass die Zeit nie reicht, dass immer was freibleibt und dass man im weitesten Sinne am Ende nie gänzlich zugemüllt ist